Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 Flieger Richthofen , (oder einen anderen Meister des Sportes) für die schöpferischen Menschen unter den Zeitgenossen halten. Und nach dem Urteil unserer Intellektuellsten, jener „wildgewordenen Literaten", um einen Ausdruck Prof. Max Webers zu gebrauchen, der Aktivisten, kann etwa Stefan George keinen Vergleich mit Herrn Ludwig Rubiner aushalten, denn jener macht nur „musische" Verse, dieser aber politische und nach ihm „greift der Dichter in die Politik", begnügt sich also nicht mehr mit dem vollen Menschenleben. Wir beschränken uns daher darauf, in Montaigne« Gedanken- und Empfmdungswelt das jüdische Element herauszufinden, ohne dabei den Zusammenhang mit dem umfassenderen Problem zu verlieren. Nach dem talmudischen Gesetze, nach welchem das Kind einer jüdischen Mutter ein Jude sei, wer immer sein Vater war, wäre Montaigne ein Jude gewesen. Mögen auch die Gesichtspunkte, die zu diesem Grundsatz geführt haben, mehr oder weniger juristischer Natur gewesen sein, so ist doch auch seine innere Berechtigung leicht einzusehen. Denn wenn man sich auch nicht dem vor längerer Zeit aufgestellten Gesetze der gekreuzten Vererbung anschließen will, welches eine Vererbung insbesondere psychischer Eigenschaften von Mutter auf Sohn und von Vater auf Tochter annimmt, so kann man doch zahlreiche Beispiele anführen, die deutlich dafür sprechen, daß gerade das Wesen und der Einfluß der Mutter oft auf die Seele des Sohnes bestimmend sind. Ich erinnere nur an Goethe. Jedenfalls ist mit Gewißheit anzunehmen, daß sich in Montaignes Werk auf irgendeine Weise das Judentum manifestieren müsse, und vielleicht lassen sich die Deutungsversuche Barrls und Weigands rn dieser Richtung noch ergänzen; vielleicht wird es möglich sein, das Jüdische bei Montaigne als eine nicht nur in einzelnen Wesenszügen si'^ äußernde, sondern seine ganze Lebensanschauung und Geistesrichtung bestimmende Macht zu erkennen. Die unerläßliche Voraussetzung für ein solches Vorhaben ist eine Feststellung der Grundgedanken des Montaigneschen Werkes und der für die Kenntnis seiner Persönlichkeit wichtigsten Anschauungen. (Schluß folgt). Kleine Geschichten ' Von Scholem-Alechem Vom Berge Sinai ei uns in Masepewke erhebt sich jenseits des Beth-Hamidrasch usf-^t ein hoher Berg, so hoch, daß er bis in die Wolken, ja bis in den Himmel reicht. So schien es mir zu jener Zeit, da wir noch im Cheder lernten. Wir nannten ihn „Berg Sinai". / An einem schönen Sommertag, in aller Frühe, zogen wir Eor&e, zehn Chedeijungen, noch Kinder, mit den heiligen Büchern unter den Arm, dem Frühstück in der Hand, in den Cheder. Die Sonne war eben „aus ihrer Scheide" geschlüpft und ihre milden goldenen Strahlen ergossen sich über den Gipfel des Berges.