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Neue jüdische Monatshefte · 1918-06-10 · Heft 17 (10.6.1918) · p. Seite 403

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 17 (10.6.1918)
Article
Montaigne, ein jüdischer Denker
Date
1918-06-10
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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kratischen Erziehung.4 Alle derartigen Versicherungen sind etwas abenteuerlich. Es handelt sich hier um ein Problem, das'zu lösen ich mich diesem großen französischen Schriftsteller gegenüber nicht berechtigt fühle." : , Es unterliegt aber nach den außerordentlich umfassenden Forschungen der französischen Literarhistoriker tatsächlich keinem Zweifel, daß Montaignes Mutter Jüdin war. Die Untersuchungen von Theophile. Malvezin, „Michel de Montaigne, son origine et sa familleu (man vergleiche auch das interessante Werk desselben Autors „Histoire des juifs ä Bordeaux"), von Paul Bonnefon, „Montaigne. L'homme et Foeuvre*' und anderer berechtigen zu dieser bestimmten Annahme. Auch die beste deutsche Einführung in Leben und Werk Montaignes von Wilhelm Weigand2), die sich in den biographischen Daten besonder? auf Malvezin stützt, stellt diese Tatsache als nicht mehr anfechtbare Gewißheit hin. Weigand berichtet von der Vermählung von Montaignes Vater folgendes: „Am 15. Januar 1528, im Alter von dreiunddreißig Jahren, vermählte er sich auf dem Heimwege aus Italien, in Toulouse mit Anthoinette Louppes de Villeneuve, die einer reichen Familie spanischer Juden entstammte, welche Jlus Villanova bei Toledo ausgewandert waren. (Der Name — im Spanischen Lopez — wird verschieden geschrieben: Loupes, Louppes, Lopes. Ein Zweig der Familie Louppes war in Bordeaux' ansässig; seine Glieder standen in freundlichsten Beziehungen zu der Familie Montaigne.) Es mag gleich erwähnt werden, daß Montaigne, der sonst so unbefangen und frei in die Welt blickt, seiner Mutter ... nie Erwähnung tut. Sie soll Protestantin gewesen sein, und die Tatsache, daß zwei von ihren Kindern, Thomas und Johanna, der neuen Lehre zugetan waren, spricht für diese Annahme, die eine weitere Stütze in der Erwägung findet, daß die Tochter spanischer Juden der Kirche, der ihre Vorfahren genug Leid verdankten, nicht allzu freundlich gesinnt sein mochte." Auch Weigand will aus dem Vorhandensein jüdischen Blutes Montaigne auf seelische Eigentümlichkeiten schließen: „Noch ein Punkfc mui3 besonders hervorgehoben werden: Montaignes Mutter stammte aus einer Familie portugiesischer oder spanischer Juden. Das jüdische Blut, das sonst so mächtig ist, scheint zwar dem behäbigen Gascogner trotz seines offenbaren Skeptizismus nicht allzu stark angeschlagen zu haben; aber sicherlich verdankt er ihm jene erstaunliche Freiheit des Blickes über nationale Schranken hinaus, der ihn vor allen seinen Zeitgenossen auszeichnet Pie ungeheuere Leidensschulo der spanischen Juden kam dem epikureisch-gelassenen Weltbürger sehr zugute; schon die Reiselust Montaignes, dio fast ganz modern anmutet, darf man getrost auf Rechnung dieser mütterlichen Erbschaft setzen. Sein Bekenntnis, daß ihm jeder Ausländer gleich lieb sei, ist ganz unfranzösisch: darin offenbart sich eher eine Verwandtschaft mit dem weltbürgcrlichca jüdischen Geiste, dem die nationalen Vorurteile oft auch da als Be- 2) Wilhelm Weigand, Montaigne. Verlag von Georg Müller, München.

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