Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Montaigne, ein jüdischer Denker
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
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•402 'das Semitische an Toledo auszudeuten", das dem Dichter auf seinen Wanderungen durch' die Stadt in den jüdischen und arabischen Gesichtszügen der ihm Begegnenden entgegentrat und bei dessen Anblick er sich an das Buch „El Tizon" erinnert, das zur Zeit Philipp XL in der spanischen Gesellschaft so ungeheueres Aufsehen erregte. „,E1 Tizonc ist-ein Pamphlet. Das kürzeste und trockenste der'Welt, aber fürchterlich durch die Wahrheit, die es enthält. Der Kardinal Franzescö Mendosa y Bovadilla hat sie aufgezeichnet, um für die Verdächtigung eines Neffen Rache zu nehmen, von dem man Beweise für die. Feinheit seines Blutes verlangte — oder vielmehr, christlicher gesprochen, um einen hochmütigen Adel zur Demut zurückzurufen. Packende Bilder, Enthüllungen über eine ganze Zivilisation — schon wenn man den Titel liest: ,E1 Tizon de la Nobleza Espaüola o Maculas y Sarnbenitos de sus Linajes* — ,der verbrannte Stammbaum der spanischen Aristokratie oder Schandflecken, und Ketzerhemden ihrer Sippen4. El Tizon: das Brandscheit, das verkohlte, rauchende Holz, das keinen Funken mehr gibt, der totgebrannte Ast vom Baum der Geschlechter. Der Kardinal zählt alle großen Familien Spaniens auf — ohne Schmeichelei, ohne Komplimente;- wie er versichert — und in jeder entdeckt er einen Tropfen Maurenblut oder Judenblut. Er schmeißt den ganzen Trödel von Schandflecken auf die Köpfe der stolzen Hidalgos: den Plunder jener Sarnbenitos, die der Inquisitor den Abtrünnigen oder einfach allen, die er jüdischer oder arabischer Handlungen oder Beziehungen verdächtig sprach, um die Schultern werfen ließ. Alle die großen Geschlechter läßt er ihre Sambenitos, ihre Ketzerhemden spüren und auf die stolzen Stirnen streut er inquisitorische Asche von dem verbrannten Stammbaum.'4 Diese erstaunlich weitreichende Blutvermischung hat sich jedoch nicht nur auf Spanien beschränkt. Mit einigem Widerwillen sieht sich der nationalistisch angehauchte Franzose Barrls veranlaßt, in einer Anmerkung seines Buches die Tatsache zu.erwähnen, daß die Mutter Michel de Montaignes, „den man den ersten nannte, der in Frankreich zu denken gewagt habeu (Karl Joel), eine toiedanische Jüdin gewesen sei. Diese kurze Anmerkung ist in manchem Betracht so interessant, daß hier Ihr Wortlaut angeführt werden möge: „Man könnte über eine Geschichte nachdenken, die von etlichen betont worden ist: die nämlich, daß die Mutter Montaignes, Antoinette de Pouppes oder Antoinette Popes, angeblich von einer der großen jüdischen Familien von Toledo abstammte. Man sagt, sie sei eine portugiesische Jüdin gewesen: ein Mädchen aus einem jener portugiesischen Jutegeschlechter, die sich für eine Art Adel halten, weil sie aus Spanien vertrieben worden sind. Allein was hat es damit auf sich? Es handelt ■ sich da bloß um aufregende Vermutungen. Nach reiflicher Überlegung streiche ich eine Note weg, die ich etwas zu leicht entschlossen in einer fieberen Ausgabe hierher gesetzt hatte. Ich meinte, in Montaigne einen ,1-r-omden4 zu erkennen, ,der nichts von unseren Vorurteilen an sich hat'. loh Ga^to den Satz: .Montaigne ist im Grunde dasselbe Temperament wie Heinrich Heine — bloß mit einer solideren Bildung und einer aristo-