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Neue jüdische Monatshefte · 1918-06-10 · Heft 17 (10.6.1918) · p. Seite 399

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 17 (10.6.1918)
Article
Die Wiederkunft des biblischen Motivs im jüngsten deutschen Drama
Date
1918-06-10
Page
Seite 399 (sequence 4)
Language
German
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399 Der nächste Stoffkreis der Bibel wird von der ungeheuren Gestalt des Moses beherrscht. Da scheint es mir in vieler Beziehung bedeutsam, daß es seit alter Zeit unzählige Versuche zur dramatischen Bewältigung dieser Figur gibt, aber keinen einzigen erfolgreichen. Die geschichtlich „größten" Stoffe sind ja bekanntlich überhaupt nicht die dramatisch besten. Das Genie auf der Bühne ist eine selten überwundene Gefahr. Das hat sehr viele Gründe. Für das religiöse Genie kommt aber noch der besondere hinzu, daß es im wesentlichen nur zwei gleich undarstellbare Gegenspieler hat: den unsichtbaren Gott und die anonyme Masse. Auch die Riesengestalt des Moses, deren Umrisse das menschlich Individuelle und Typische so weit überragen, unterliegt diesen ungünstigen Bedingungen. Versuche sie zu dramatisieren, sind mir im letzten Jahrzehnt wohl ein Dutzend durch die Hand gegangen*, pure Dilettantismen, und der einzige, der eine Erwähnung verlohnt, ist belangvoll mehr, durch intellektuelle, als durch künstlerische Qualitäten: Albert Steffen formuliert im Stil der Ncuklassiker den „Auszug aus Ägypten" zu einer ethischen Allegorie, in der gutes und böses Prinzip in großzügigem Konstrast, aber ohne einen Schimmer sinnlich belebender Gestaltung widereinander sprechen. Der Mosesmythos scheint eben eher einer geistigen als einer künstlerischen Interpretation zugänglich. Nun aber betreten wir erst das künstlerisch-dramatische Kernland des gesamten biblischen Stoffkreises: das jüdische Heroenzeitalter. Geschichtlich beginnt mit den Richtern und den ersen Königen jener Zeitraum, der mit Kurt Breysigs bester Terminologie das „frühe Mittelalter" genannt werden muß: die kühne Jugend der Gesellschaft, der Beginn der Seßhaftigkeit, der aristokratischen Gliederung, des Nationalismus; die Zeit der Kriege, die schöne Heluenabentcuer sind, der Raum der ganz im sichtbar Menschlichen gehaltenen und doch halb göttlichen Führergestalten! Die Individuen schon von deutlichen GeseHschaftsbildungen zu charakteristischer Begrenzung zusammengedrückt — aber doch noch mit den Dimensionen, der großen Luft, der Naturkraft der Urzeit um sich! Auf dieser Schwelle der eigentlichen geschichtlichen Faßbarkeit sind bei allen Völkern die fruchtbarsten Mythen entstanden, Perseus und Achilles, Dietrich und Siegfried nicht anders als Simson und Saul. Und hier ist von je für den Künstler, den Dichter, den Dramatiker fruchtbarster Boden gewesen: Der Heros, diese Mitte von Gott und Mensch ist das geeignetste Sinnbild menschlicher Stärke. Hier haben denn auch die Dramatisierungen des letzten Iahrzehnts mit besonderer Heftigkeit eingesetzt. Um 1912 gab es eine Sims on-Epidemie. Aber die hatte freilich spezielle und schlichte Gründe: der auch in seinen begabtesten Vertretern (Wedekind, Eulenberg) tief geistlose Sensualismus der Zeit suchte hier lediglich das Bild des starken Mannes, der dem Geschlecht erliegt. Von dem Propheten, dem Priester, dem Gottesheldentum, das selbst diesem jüdischen Herkules die Legende mitgibt, war in all diesen Versuchen, nichts zu spüren. Aber daß der bei allen Völkern vertretene Mythos des vom Weibe überwundenen Riesen hier, in der biblischen Fassung

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