Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 395 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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395 für die individuelle, sondern für die .volkliche Gleichberechtigung geführt wird. In ganz Bußland! Und davon sollte Polen unberührt bleiben? Aber nicht das jüdische Nationalbewußtsein ist für die nationalistische Bewegung der Juden verantwortlich zu machen. Immer ist es auch das Maß nationaler Energie innerhalb jener Volksmasse, unter der die jüdische lebt, worauf es ankommt. Mit verantwortlich ist auch die nationale Bewegung unter den Polen. Darüber kann ein objektiver Urteiler ebenso wenig hinwegkommen, wie er auch hier den Blick nach der Welt der materiellen Interesse n richten muß, wenn er die letzten oder mindestens sehr wichtige treibende Kräfte aufdecken will. Darüber noch kurz folgendes. Es ist. richtig", noch heute steht auf dem flachen Lande in Polen — es ist für dio Städter wie eine Erinnerung aus lang vergangener Zeit — die ältere Generation der Juden unter dem Eindruck jenes friedlich nachbarlichen Verkehrs, der von den nationalistischen Gegensätzen nichts wußte. Und ebenso kann man noch vielfach beobachten, daß alle Unzivilisiertheit, alle schlechten Gewohnheiten, alles ethisch dem Niclitjuden Fremde, alles Unangenehme in der äußeren Erscheinung des Ostjuden von den Andersgläubigen hingenommen wird, so lange nicht das einzelne Individuum durch die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden nachteilig getroffen ist. Es wird ein psychologischer, vielleicht auch physiologischer, kurz jedenfalls ein Gcfühlsantisemitismus in einer gewisser) Latenz immer vorhanden sein, aber er ist inaktiv und er ist gewiß nicht aggressiv. Das wurde er und wird er immer mit dem Augenblick, in dem er eine praktische Grundlage, ein wirtschaftliches Interesse gewinnt. Bekanntlich hat das Judentum in Polen durch Jahrhunderte eine wichtige verkehrswirtschaftliche Funktion erfüllt, es hat eine von den Polen im wesentlichen unbesetzte Stelle ausgefüllt. Man mag nun darüber rechten und denken wie man will, ob der Pole genügend oder zu wenig kaufmännische Anlagen hat, Tatsache ist, daß der schließlich doch für den Austausch der Güter unentbehrliche Vcrmittlungsapparat nicht durch Polen, sondern durch Juden hergestellt war. Es bleibt weiter auch außer Betracht, wie der Jude diese Funktion erfüllt und in welchem Verhältnis infolgedessen der Ertrag seiner Arbeit zum Arbeitsertrag der übrigen Bevölkerung stand. Aber wieder muß als Tatsache festgestellt werden, daß eben eines Tages im polnischen Volk die Auffassung Kur Geltung kam, daß es diese Vermittlerrolle der Juden nicht brauche, daß es selbst diese Aufgabe erfüllen könne. Bekanntlich ist dio Umsetzung dieser Auffassung in die Wirklichkeit keineswegs überall glatt, harmlos und in der Form eines berechtigten Wettbewerbs vor sich gegangen. Man kann auch darüber hinweggehen. Aber daß sich in dieser Auffassung und all jenen wirtschaftlichen und unwirtschaftlichen Maßnahmen (Genossenscha'ftsgründimgen, Pogrom u. dgl), die sich als Schlußfolgerung ergaben, ein nationalistischer Geist kund gab, der die Juden nicht als Andersgläubige, nicht als Angehörige einer anderen Religionsgemeinschaft, sondern als ein von anderen ethischen Grundsätzen beherrschtes, anderes Volk auffaßte, das wird wohl kein Mensch widerlegen können.