Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 394 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908729-2910964--1729-2910986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
394 der kommen und die Jude6 nach Palästina zurückführen und dort ein Reich begründen wird, ist "überall im orthodoxen Judentum lebendig, sie war es immer auch im polnischen. Aber sie ist erfüllt von denn Passivismus dieses Wartens. Daraus einen aktiven modernen Nationalismus zu machen, ist eine Aufgabe, die politische Arbeit erheischt. - Und diese Auswertung des religiösen Kerns hat bekanntlich zu dem geführt, was man vielleicht als die Grundlage des nationalistischen Problems der Juden ansehen kann, zu der These: „Wo wir Juden eine angesehene Minderheit bilden, da ist unser Palästina!" Die Anstifter zu dieser umwälzenden Deutung waren in der Tat die litauischen Juden im Ostjudentum überhaupt und so auch insonderheit in Polen. Alle Organisatoren von Parteien, die in der Judenschaft aufgekommen und zu einer gewissen Bedeutung gelangt sind, sind zum großen Teil russische Juden. Aber anzunehmen, daß diese Ideen und die sich daran knüpfende Bewegung nicht in das polnische Land gekommen wäre, wenn jene Einwanderung unterblieben wäre, bedeutet trotzdem logisch einen Fehler und ist nicht aufrechtzuhalten. Werm auch in diesem Sinne die Litwaken gewissermaßen die Generalstabsoffiziere für die nationale Bewegung der Juden geworden sind, so steht doch neben und über ihnen eine Reibe hervorragender Kräfte polnischer Herkunft als Führer, die für die Propaganda mindestens ebenso viel geleistet haben. Die nationale Bewegung mußte auch in Polen kommen. Es lag wie ein Keim in der Luit, vor dem auch die Juden Polens nur durch besondere Schutzmaßnahmen hätten bewahrt werden müssen. Daß sie auch im polnischen Judentum wie im russischen auf die Dauer nicht ausbleiben konnte, würde, wenn man schon anderen Tatsachen keine Tragweite und Bedeutung beimißt, schließlich nach den aligemeinen soziologischen Gesetzmäßigkeiten, die sich für den Nationalismus beobachten lassen, bewiesen werden können. Dessen bedarf es aber nicht. Wer jene politische Lltwakenforme! vertritt, kann jedenfalls nicht den Anspruch erhoben, als ein Politiker zu gelten, der die Dinge sieht, wie sie sind. Denn entweder meint er, es sei die jüdisch-nationale Bewegung überhaupt nur eine innorpolnische Erscheinung, und ist blind daf ür, daß allenthalben in der Welt, wo Juden unassimiliert leb en und sich obn Glauben an die Größe und Daseinsberechtigung ihrer eigenartigen Kultur erhalten haben, ganz besonders aber auch im Osten, die Woge des nationalen Denkens und Wollens auch im Judentum losgebrochen Ist Oder aber ein solcher Politiker geht von der Überzeugung aus, rdiese "Woge würde gerade überall dort Halt machen, wo Juden mit Polen r^ammenwohnen und Mit es für möglich, das mit Juden so stark durchsetzte polnische Sprachgebiet vor dem Hereinbrechen dieser Woge :m bewahren. Es ist in dieser Zeitschrift kürzlich mit Recht auf die 7'--nttLmlichkeit hingewiesen worden, die die Revolution von 1917 o.aübor jener von 1789 . bezüglich des Judentums scheidet. Diese 'Lzvjito nur die individuelle Emanzipation, die Gleichstellung der jüdi-;->e:hc;% Individuen vor dem .Recht, während der Emanzipationskamp! des ••imisehon Judentums im Zeichen des Nationalbewußtseins nicht nur