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Neue jüdische Monatshefte · 1918-06-10 · Heft 17 (10.6.1918) · p. Seite 393

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 17 (10.6.1918)
Article
Die Litwaki
Date
1918-06-10
Page
Seite 393 (sequence 3)
Language
German
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man erst recht auf Zusammenhänge, die sich in jenen Gedankengang der Litwakenformel ganz und gar nicht eingliedern lassen. Die Litwaken sind nach Polen zugewandert, gewiß nicht bloß aus einem, sondern aus vielen verschiedenen Gründen, unter denen aber doch der Umstand, daß in dem Lande beiderseits der Weichsel sehr günstige Erwerbsverhältnisse bestanden haben, ein besonderes Gewicht hat. Polen, und namentlich der westlich der Weichsel gelegene Teil desselben, hat tatsächlich eine große Anziehungskraft ausgeübt, weil es sich in einem ausgesprochenen Entwicklungszustand, im Aufstiege der Industrialisierung befand, weil man den Eindruck haben mußte, daß hier reiche und günstige Erwerbsmöglichkeiten existierten. Ganz besonders kam für die Moskauer Emigranten in Betracht, daß die dort in der Textilindustrie und den damit zusammenhängenden Kilfsgewerben tätigen Juden in Westpolen dasselbe Arbeitsgebiet finden konnten. Aber — und das ist gewiß nicht weniger zu beachten — diese Litwakeneinwanderung wurde doch auch für das Wirtschaftsleben Polens wertvoll. Ich denke dabei nicht an die Betätigung der Juden in der Warenerzeugung selbst, die vielfach dem guten Ruf des polnischen Stodgewerbes alles eher als förderlich war, aber die Litwaken waren es, die der polnischen Großindustrie so wesentlich den innerrussischen und sibirischen Markt mit erschließen geholfen haben. Man wird nie daran vorbeikommen, daß unter den kaufmännischen Leitern der großen und größten Lodzer Textilhäuser russische Juden ein so großes Kontingent gestellt haben, daß es also Litwaken waren, die ihnen durch die Herstellung der Verbindung mit dem weltweiten Markt diese Größe der westpolnischen Industrie mitbegründen halfen. Und das kann nicht genug hervorgehoben werden: das alles waren Manschen, denen die Politik völlig fern gelegen war. Aber nicht nur in der Großindustrie sind sie führend aufgetreten, auch in jener seit einem Menschenalter in Warschau besonders auffallend emporblühenden Industrie, in der Kravatten, Männerwäsche, Kragen, Manchetten, Trikotagen, Strümpfe, Handschuhe, Hosenträger, Schirme, Kinderspielzeug usw. hergestellt und vor allem nach Rußland verkauft wurden, müssen auch Litwaken geradezu als Pioniere für die Industrialisierung polnischer Juden anerkannt werden. Es ist wohl auch hier kein bloßer Zufall, c,:sp die Juden gerade jene Industrien gefördert und geschaffen haben, die mit der Mode und der modernen Zivilisation zusammenhängen. Es ist das auch nur ein Ausfluß der größeren intellektuellen Spannkraft der Litwaken der zutage tritt in der Erfassung der neuen Möglichkeiten, die wieder mit dem Glauben an das Fortschreiten der Zivilisation, an die unaufhaltsame Verbreitung westeuropäicher Lebensformen unter dem Einfluß von Bevölkerungswachstum und kapitalistischer Technik arfs engste zusammenhängt. Und nun endlich was die'nationale Betätigung anlangt. Es iC allerdings ganz unmöglich, die religiöse Wurzel aus der nationalen Bewegung des Judentums' auszuschalten, aber man wird allerdings die passive Idee, die in der nationalen Bewegung steckt, von ihrer aktiven Auswertung zu unterscheiden haben. Die nationale Idee vom Messias,

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