Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Juden in Litauen
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908729-2910963--1723-2910982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zum Frieden und zur Freundschaft bereit, zum Kampfe entschlossen — das ist gegenwärtig die Losung -des jüdischen Volkes in Litauen. Es hat seinen ehrlichen und aufrichtigen Willen zu einem freundnachbarlichen Verhältnis zu allen Mitnationen des Landes wahrlich oft genug an den Tag gelegt — zu Polen sowohl wie zu Litauern. Dur^h krankhafte Machtgier geblendet und um die letzte Spur eines Gerechtigkeitssinnes gebracht, hat das litauische Polentum, das kongreßländische Beispiel vor Augen, immer die dargebotene Friedenshand . zurückgewiesen. Daß den Polen der Judenhaß höchste Staatsräson ist, haben sie auch bei den letzten litauischen Wahlen zur russischen Eeichsdutna von 1912 eindringlich, genug bewiesen. Es besteht leider wenig Hoffnung, daß es jemals anders werden wird. Ganz anders gestaltete sich das Zusammenleben mit den Litauern. Irgendeine wirtschaftliche und kulturelle R e i b u n g s f 1 ä c h e , ein wirtschaftlicher oder kultureller Gegensatz bestand und besteh t z w i s c h e n Juden.u n d L i t a u e rn überhaupt nicht; vum Kassenwahn und von religiöser Unduldsamkeit wurde das kernige, unberührte Bauernvolk nie geplagt. Ein unheilbarer Gegensatz zum Polentum, diesem seine ganze Existenz bedrohenden und untergrabenden Erbfeind, ließ schon vor Jahren eine. Interessengemeinschaft und ein engeres Verhältnis zwischen Litauern "und Juden entstehen, das in Zeiten politischer Kämpfe in einem geschlossenen Zusammengehen gegen den gemeinsamen, Gegner seinen Ausdruck fand. Wahlbündnisse zwischen Litauern und Juden waren bei den Reichsdumawahlen zur gewohnten und notwendigen Erscheinung geworden; in den letzten Dumawohlen von 1912 hat das entschlossene Auftreten des jüdisch-litauischen Wahlblocks in Kowno die Wahl Friedmanns, dieses tüchtigsten Sachwalters des jüdischen Volkes in Rußland, ermöglicht. An Versuchen' von „nationaler41 Seite, eine in ihrem Wesen gegen die jüdische Wirtschaftsstellung gerichtete litauische „Mittelstandsbewegung" aus dem Boden zu stampfen, hat es zwar nicht gefehlt; das ganz unmögliche Unternehmen scheiterte kläglich. Daß das Litauertum auch in Zukunft in seiner Notwehr gegen das Polentum auf.den jüdischen Beistand angewiesen-sein wird, dieser Erkenntnis wird sich kein einsichtiger litauischer Volksfreund entziehen können, wenn auch eine vernünftige Wahlordnung — im Gegensatz zum russischen Dumawahlrecht, das die Großgrundbesitzer (in Litauen, Polen) ungemein bevorzugte — die Situation des Bauerntums (und der Städter) gegenüber dem Großgrundbesitz viel günstiger gestalten wird. Geben die Litauer, durch Konjunkturpolitiker irregeleitet, durch ebenso maßwie aussichtslose Übergebung und Herrennationgelüste nicht selbstden Anlaß dazu, \;o. ist nicht einzusehen, warum die bereits traditionell gewordenen irDimdlicheii jüdisch-litauischen Beziehungen in Zukunft eine Trübung und Störung erfahren sollen. Wird aber der „litauische Staat" des Horm Smetona. Wirklichkeit — diese Erwägung hat bloß den Wert dne-s Gedankenexperiments — dann könnte, dann müßte es wohl dazu kommen, daß Juden und Polen einander in die Arme getrieben