Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Juden in Litauen
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 389 (sequence 3)
- Language
- German
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389 nationalen Mittelpunktes aus; ihm fiel in allen Angelegenheiten wirtschaftlicher, rechtlicher,; geistig-kultureller und politischer Natur die Führerrolle zu. Sein Aufgabenkreis erstreckte sich auf das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen, auf das ganze Gebiet des bürgerlichen und vielfach auch der Strafrechtsprechung und der Sozialpolitik und Sozialethik, auf die Wahrnehmung der jüdischen Gesamtinteressen dos Reichs und die politische Repräsentanz nach außen, das gesamte Reichssteuerwesen, ferner auf das gesamte jüdische Verwaltungswegen des Reichs, die Festlegung der Grenzen und die Schlichtung von Streitigkeit zwischen den Distrikten (die „medinöt"), den Provinzen und Einzelgemeindon. Darüber hinaus nahm der Waad lebhaften Anteil an den Schicksalen der jüdischen Volksgesamtheit, wachte mit Sorgfall., über das Unterstützungswesen für die Judenheit Palästina und ließ auch den jüdischen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Ländern Westeuropas tatkräftige Hilfe angedeihen. In Streitfällen zwischen beiden Ländern und in den höheren nationalen Angelegenheiten gingen der litauische und der polnische Waad Hand in Hand. Den Höhepunkt ihres Wirkens und ihrer Bedeutung erreichten die Waade in der furchtbaren Leidenszeit des jüdischen Volkes in Polen und Litauen während der Kosakenauf stände um die Mitte bis um den Ausgang des 17. Jahrhunderts. In der katastrophalen Erschütterung und Verwirrung aller Lebensverhältnisse bildeten sie den nationalen Mittelpunkt, zu dem alles emporschaute, dem rettenden Halt, an dorn sich die Schwankenden emporrichteten. Auf die Dauer freilich waren sie den iihorall um sich greifenden Mächten der Zerstörung und des Verfalls nicht gewachsen. Die Wende des 17. Jahrhunderts sieht die verderbliehe Frucht der Unheilsaat-zur vollen Reife gelangen. Hundarte jüdischer Gemeinden in Wolhynien, der Ukraine und Podoiien waren nach den schwedisch-mosko witschen Kämpfen vom Erdboden verschwunden; unzählige andere waren auf wenige Familien zusammengeschrumpft. Die Judenheit Großpolens und Litauens — der ersteren vor allem — fielen einer steigenden Verarmung anheim. Die durch die ins Maßlose gesteigerten Steuerforderungen aufgetretene Verschuldung der Gemeinden und damit Hand in Hand der Verfall der ehemals so fest gegründeten Kanals macht wuchs zusehends; je mehr er jedodi an Macht verlor, desto gewalttätiger mußte er werden. Die Zahl der Widerspenstigen wuchs, und bald war es um den letzten Rest seines moralischen Ansehens geschehen. Während jedoch die Kanals selbst in — zumindest äußerlich — ungeschwächter Kraft fortbestanden, büßen die übergeordneten, mehr auf sittlicher als auf GowaltautoriU.it aufgebauten Organe der nationalen Selbstverwaltung allmählich an Lebenskraft ein, und vollends die höchste Repräsentanz, die Waade, sinken bald zum Schatten ihrer selbst herab. Durch die 1764 erfolgte Ablösung der Gesamtheitssteuer durch einen individuellen Steuermodus wird ihnen die Steuerfunktion und damit jede amtliche Stützo entzogen. Die Verfassung des letzten Polenkönigs Stanislaw August Poniatowski vom gleichen Jahre spricht die Aufhebung der Waade aus.