Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Juden in Litauen
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 391 (sequence 5)
- Language
- German
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391 werden. Bei einem modernen Wahlrecht, etwa nach dem Muster des deutschen Reichstagswahlrechte, würden freilich schon die Juden allein, als Bevöikerungsmehrheit der politisch und kulturell und schließlich auch wirtschaftlich dominierenden Städte, sehr wohl in der Lage sein, einer „Herrennation" jegliches Überhebungs- und Hegemoniegelüst wirksam auszutreiben, wenn sie nur den Willen dazu haben. Daß dieser Wille zu nationaler Selbsterhaltung und Selbstentfaltung im litauischen Judentum lebt und immer stärker und unbeugsamer, immer zielbewußter und zielsicherer wird, das wird durch ein Halbjahrhundert seiner ruhmreichen Geschichte bezeugt, das im Flaramcn'/eichcn des aufstrebenden nationalen Bewußtseins und nationalen Lebenswillen stand. Der sich in den Umwälzungen und Gestaltungen des letzten Jahrzehnts östlichen Werdens mit Riesenschritten vollziehende Politisierungsprozeß der jüdischen Volksmasscn hat ihn zur vollen Reife gebracht. Das jüdische Volk Litauens, durch die Schrecken dieser Unheilsjahre gelähmt und noch mehr durch die mittelbaren Auswirkungen des Weltkrieges in ganz anderem Maße als seine ländlichen Nachbarvölker an der Entfaltung seiner Schaffenskräfte gehemmt, wird bald erwachen und seine alte unverwüstliche Lebenskraft bewähren. Schon sind die Anzeichen der Lähmung und Erschöpfung im Schwinden, und neues Leben pulst allerorten. In seiner gegenwärtigen Halbfreiheit schreitet das litauische Judentum zur Reorganisation und Belebung seines Gemeindewesens, dieser lebendigen Zellen des Volksorganismus, und schon werden die ersten Vorbereitungen zur Einberufung einer Konferenz der jüdischen Volksvertreter Litauens getroffen, deren Hände stark und gesegnet sein mögen, um das Zukunftsglück dieses herrlichsten und schwergeprüften Volkstums zu schmieden. Die Lifwaki Eine Tatsachenbeleuchtung zur Ostjudenfrage Von Prof. Dr. Otto v. Zwiedineck, Karlsruhe IV. {Schluß*)] Die Formel stimmt dennoch nicht. Alles in allem ist es eine Fülle von Eindrücken, die zusammengewirkt haben, nicht nur daß die Litwaken als Fremdkörper vom polnischen Judentum empfunden wurden, sondern diese Eindrücke machen es auch wahrscheinlich, daß die ganz besonders von assimilatorischer Seite so oft aufgestellte Behauptung, die Litwaken seien die treibende Kraft für die nationalistische Bewegung im Judentum. Polens, mindestens eine Reihe von Voraussetzungen für sich hat Wie viel Richtiges auch daran sein mag, ich halte sie dennoch für irrig, sofern die Gegenprobe nicht stimmen würde, sofern es völlig ~~~~*) Siehe Nr. 13. vom 10. und Nr. 14 vom 25. April 1918 dieser Zeitschrift,