Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Juden in Litauen
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
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Verein mit den Rabbinern und Dajairim eine ziemlich weitgehende Rechtsprechung in sämtlichen bürgerliehea Streitfällen und vielfach auch in Strafsachen aus, Ihren Zusammenschluß fanden die Einzelgemeinden in den „Provinzsynoden1' (Waade ha-gelilöt). Zwischengemeindliche und -provinzielle Angelegenheiten und über den engeren Interessenkreis hinausgehende gesamtjüdische Anliegen ließen nun bereits in früher Zeit die Notwendigkeit zur Schaffung einer höheren Rechts- und Verwaltungsinstanz als zentrale Körperschaft entstehen, in der die Einzelgemeinden und die Kreise ihren Zusammenschluß und die Gesamtheit ihre berufene Führung finden sollten. Tatsache ist, daß bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts regelmäßige Zusammenkünfte der Rabbiner und Gemeindevorstände (der .„Roschim") der führenden Städte Groß- und Kleinpolens stattfanden, örtlich und zeitlich fielen diese Konferenzen mit den großen Landesmärkten zusammen, denen zahlreiche Menschenmassen zuströmten, wo wohl auch die einflußreichsten und führenden Persönlichkeiten der Gemeinden zusammentrafen. Diese Verhandlungen wuchsen b$ld zu der Bedeutung einer ordnungsmäßigen. Zentralrepräsentanz der polnischen Judenheit aus, und unter Sigismund I. scheint sie einen wichtigen Machtzuwachs dadurch erfahren zu haben, daß, nachdem .verbürgte Versuche dieses Königs, einzelne einflußreiche Juden mit der Eintreibung der jüdischen Steuergelder zu betrauen, mißglückt waren, nunmehr dieser Gesamtvertretung die Steuerfunktion übertragen wird. Dieser Umstand verhalf der Zentralrepräsentanz zu einer amtlichen Existenz und bedeutenden Machstellung. Es konstituiert sich im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts im polnischen Reiche die „Dreiländersynode" — „Waadschalosch-arazöt" lautete ihre offizielle Bezeichnung — der Vertreter von Großpolen (Posen), Kleinpolen (Krakau) und Rußland (Podolien und Galizien mit Lemberg) angehörten. In besonderen Fällen nahmen auch Abgeordnete aus Wolhynien und L i t a u e n an den Verhandlungen teil (daher mitunter auch die Bezeichnungen „Vier-" und „Fünfländersynodeu, später, nachdem — nach 1569 — Wolhynien in administrativer Hinsicht zu Polen geschlagen wird, wird die Bezeichnung „Waad arba arazöt" - vorherrschend). Einen eigenen Waad erhält Litauen erst 1623, der zum Unterschied vom polnischen „Waad ha-arazßt", „Waad ha medinöt" genannt wird. (Seine volle Bezeichnung lautete: „Waad ha-meäinöt ha-roschiot be-Litau.) Die litauische Synode setzte sich aus Abgeordneten der „medinot" Brisk (Brest), Horodno (Grodno) und ■ Pinsle, später Wilna (1652) und zuletzt auch Sluzk (1691) zusammen. Dem litauischen „Waad ha-medinöt" waren auch die großen „Provinzen'1 — geliöt — „Reußen" (Weißrußland) und Samogitier angegliedert. Auch in Litauen bildeten die „Provinzsynoden" — Waade \hr.-geli!öt — eine MittÖlinstanz zwischen den Einzelgemeinden und dem ' zentralen „Waad-ha-medinötuv Die Notwendigkeit der Schaffung eines besonderen litauischen Waad scheint sich vornehmlich aus einem finanzwirtschaftlichen Moment ergeben zu haben. Seit 1613—1620 besteht nilmlich eine gesonderte Steuerordnung für Polen und Litauen. Indessen wuchs der Y\raad auch in Litauen bald zu der Bedeutung eines großen