Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Die religionsphilosophische Bedeutung Hermann Cohens
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
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373 Doch läßt ihn sein tiefinnerliches religiöses Gefühl auf dem Gebiete religionsphilosophischer Betätigung noch nicht zur Ruhe kommen. In seiner bisherigen Lebensarbeit war ihm das Ziel aller kulturellen Entwicklung die menschliche Gattung in ihrer unendlichen Weite und Tiefe. Das menschliche Einzelindividuum aber schien seine Sicherheit und seinen Halt nur durch Einschmelzung in das allgemeine Menschhcits-lch zu gewinnon. Der Einzelne war somit nur Objekt der Menschheit. War dies aber nicht ein völliges Verkennen der menschlichen Psyche, für die doch gerade das Individuum als Subjekt und Selbstzweck eitic große Bedeutung hat? Beruht nicht gerade darauf der ewige Wert der Religion, daß sie jene Ansprüche der individuellen Selbstbehauptung befriedigt, denen die Ethik der prophetischen Allheit scheinbar teilnahmlos gegenübersteht? Gewiß kann der Einzelne sein eigenes Ich auf dem Wege sozialer kultureller Betätigung verewigen, aber wird ihm die Erfüllung dieser Aufgabe so möglich sein, daß er sein eigenes I<jh restlos zum idealen Menschheits-Ich emporläutert? Es besteht kein Zweifel daß dieser Ausgleich nur in der fernsten Ewigkeit gelingen kann, WTeil aber in dieser Hinsicht das Individuum der Gegenwart stets wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird, so müßte es an seiner Rettung verzweifeln, wenn ihm nicht die Religion Trost und Erhebung bieten würde. Von dieser Betrachtung ausgehend erringt Cohen einen rcligionsphilosophischen Standpunkt-, der eine wertvolle Ergänzung seiner auf systematischer Grundlage sich erhebenden Vernunftreligion bildet. In seinen letzten WTerken widmet sich Cohen diesen Untersuchungen und kommt hierbei zu ganz neuen fruchtbaren Resultaten. Die ganze Tragik des Menschen enthüllt sich ihm in den zwei Begriffen, dio von jeher das Menschengemüt aufs tiefste bewegten: Sünde und Leid. ]>:>• menschliche Leid bildete stets den härtesten Anstoß für die Idee der göttlichen Gerechtigkeit. Seit den Tagen des II i o b ist die Frage nach der Versöhnung zwischen Schicksal und göttlicher Weltrcgierung nicht mehr verstummt. Cohen gelingt es auch liier wieder, ganz neue Gesichtspunkte zur Bewältigung dieses theodizeeischen Problems aufzuweisen. Das wahre Leid ist stets das soziale Leid. Dieses aber ist die Sünde eines jeden Individuums. Auch der vollkommenste Mensch kann sich von dieser Sünde nicht freisprechen, aber er kann Befreiung und Reinigung erlangen, indem er sich selbst als Urheber dieses sozialen Leides betrachtet, das Leid des anderen sein Leid wird, absein „Mitleiden" erweckt Dann wird auch sein SündcnbcvniStsein nicht mehr Verzweiflung und Depression in ihm hervorrufen, sondern ihn zur höchsten sozialen Kraftentfaltung anspornen, dann seist sich an die Stelle ethischer Erschlaffung die ewige Arbeit otMcc'iisozialer Leistung- So wird auch liier die Gesinnung wie in Cot wissenschaftlichen Ethik auf die Gründung der sozialen ^Gemeinschaft hin dirigiert, nur mit dem Unterschiede, daJ3 in der Ethik das Individuum selbst zugunsten der Allheit seine psychische Realität verliert, während es in der Individualreligion durch die Arbeit am Bau der sozialen Gemeinschaft seine psychische Realität gewinnt.