Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Die religionsphilosophische Bedeutung Hermann Cohens
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
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372 bei liegt ihm jeder Anspruch auf Originalität völlig fern, Stets ist er Ton dem Gedanken getragen, daß er im Gnmde genommen die Arbeiten fortsetzt, die die talmudischen Gesetzeslehrer und die Religionsphilosophen des Mittelalters unternommen haben. Mit welch feinem . Spürsinn und. unermüdlichem Forsehertrieb gelingt es ihm, Sätze aus Talmud und Midrasch zu entdecken, die geradezu als Bestätigung seiner Anschauungenüber die Kontinuität des jüdischen Geistes gelten können. Besonders bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters findet er seine Ideen vertreten. Bach ja mit seiner Lehre der- Herzenseinheit ist für ihn der Philosoph der Veraunfteinheit, Saadja und Band reihen sich für Cohen unmittelbar den Propheten an, indem sie die sittlich-sozialen Forderungen turmhoch über die religiös-individuellen stellen. G a b i r o 1 aber muß bei aller Anerkennung seiner gedanklichen Leistungen in der Würdigung zurücktreten, well er in der Aufstellung eines All-Willens dem Pantheismus Spinozas die Wege ebnet. Das Juwel aller mittelalterlichen Philosophen ist für Cohen Mai mo nid es. Cohen sieht in Maimonides nicht nur einen wissenschaftlichen Anhänger Piatos — ist doch für beide Denker das Nichtsein positiver Attribute in der Gottesidee der Beweis für die höchste Realität des göttlichen Seins —, sondern er ist ihm auch der wahrhafte Vorgänger Kants, insofern auch er in der „zukünftigen Zeit", also in der Zukunft der Weltgeschichte die Verwirklichung des ewigen Friedens erschaut. Ja, in gewisser Hinsicht steht ihm Maimonides noch höher als Kant, denn für Kant ist die Idee des höchsten 'Gutes ein Postulat, für Maimonides aber eine Aufgabe, die in der dauernden Vervollkommnung des Menschengeschlechts ihrer eigenen Realität gewiß wird. Hat Cohen so einerseits in der von ihm formulierten Einheit der Vernunft den Maßstab für die Wertschätzung jüdisch-philosophischer C-eisteswerke gefunden, so hat er andrerseits auch wieder in demselben XJrbegriü das logische Instrument für die Ablehnung jener Systeme erkannt, die *die Souveränität der Ethik bestreiten. Dahin gehört in erster Reihe das pantheistische System Spinozas, das die j , ethischen Forderungen wie mathematische Linien und Flächen behandelt und hierdurch nicht nur die Ethik, sondern auch die Logik verletzt und verflacht. Flammende Worte dor Anklage sind es, die Cohen für das Bemühen Spinozas findet, das Christentum auf Kosten des Judentums zu verherrlichen. So konnte nach der Meinung Cohens nur ein Mann denken, der die prophetische Ethik der Handlung mit <Xer mystischen Ethik der Gesinnung vertauscht, weil es ihm eben an •der idealistischen Grundlage des wahren Philosophen fehlt. •In zwei Punkten hat sieh also Cohen als der wahre .Philosoph des Judentums erwiesen. Er hat die Gottesidee des Prophetismus zum wahrhaften Zeniralmotiv aller Lebens- und Weltanschauung gestempelt,- und er hat ferner don Beweis dafür erbracht, daß diese im eminenten- Sinne kulturzeugende Idee, in allen Stadien der jüdischen ■ Geschichte bald mehr bald weniger deutlich die führenden Denker auf dem Gebiete religiöser Reflexion beherrscht. .