Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Die religionsphilosophische Bedeutung Hermann Cohens
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
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371 Gebiet des Ethisch-Xlationalen; wir bezeichnen es als 0 f f e n b a r u n g, daß die Propheten auf dem Wege rein gefühlsmäßiger Betrachtungen zu den gleichen Ergebnissen gelangten wie die Schritt für Schritterwogene und genau abgemessene Methodik des kritischen Denkens. Wenn freilich der Gottesbegriff der Fropheten in diesem Sinne zum Einheitsbegriff der Weltvernunft erhoben werden soll, so muß er für Cohen von all jenen Schlacken gereinigt werden, die ihm die Erfüllung dieser Kulturaufgaben versagen würden. Das ist der Kern der vielfach zu Unrecht angefochtenen These Cohens: Die Religion muß in Ethik aufgelöst, der Gottesbegriff in die Gottesidee verwandelt werden. So lange der Gottesbegriff nur zur Befriedigung individueller Lebensbedürfnisse Verwendung findet, kann er unmöglich zur Erfüllung und zur Verwirklichung der überindividuellen Sittlichkeit herangezogen werden, so lange ist er eben nur Begriff und nicht Idee. Erst in dem Momente, in dem Gott dio Einheit der Vernunft begrifflich repräsentiert, erst dann kann er jene^ Reich begründen und vollenden, das wir mit dem Namen: Gottesreich auf Erden bezeichnen. Nunmehr kommen auch wieder all jene dogmatischen Begriffe zur Geltung, dio Cohen früher als unkritisch ablehnte, nur erhalten sie jetzt einen völlig neuen, aber um so tieferen und reineren Inhalt. Auch für Cohen ist jetzt Gott der Schöpfer des Universums, sofern wir darunter den begrifflichen Urheber und Verwirklicher aller kulturellen Werte verstehen; auch für Cohen ist jetzt Gott das Ideal aller sittlichen Vollkommenheit, soweit wir darin die ewige Dauer der sittlichen Forderungen erblicken; auch für Cohen ist jetzt Gott Inbegriff aller Macht, soweit wir in ihm die Vor bürgung des ewigen Gleichklangs zwischen Natur und Ethik erkennen... Ja selbst die übrigen Begriffe der dogmatischen Religion, wie Seete und Unsterblichkeit, gewinnen jetzt eine neue Formulierung un<\ darum ein Recht zur Anteilnahme an aller Kultur. Denn Seele unc' Unsterblichkeit sind im Sinne Cohens nur Ausdrücke für die evtiv; unantastbare Freiheit des sittlichen Individuums und den ewigen Wer'- seiner sittlichen Leistungen. Mit solchen Gedanken ausgerüstet unternimmt nun Cohen die Musterung und kritische Betrachtung des Judentums und seiner Geisteshelden. Daß er hierbei sein Hauptaugenmerk, auf dio Bibel, insbesondere auf die Propheten und Psalmisten richtet, bedarf keiner besonderen Begründung. Sind ihm doch die Leistungen dieser Kenner gleichsam die Urbilder seiner philosophischen Lehrbegriffe. Was Cohen hier in bezug auf den Universalismus und die soziale Weltanschauung eines Jesajah und Dcuterojesajab sagt, wie er die Herzensreligion eines!J er ein iah und den ethischen Individualismus eines Hesekiel logisch begründet, wie er ferner die ewige Distanz zwischen Gott und Mensch in dem Transzendenzbsgrif/ der prophetischen Gottheit gewahrt sieht, wie er endlich den Gedanken der göttlichen Providenz. als die^sittliche Aufgabe der ethischen Treue- und Kraft zu deuten .versteht, gehört zu dem Größten und Schönsten, was je über die Gedankenweit der Bibel verkündet worden ist Da-