Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohens Philosophie des Judentums
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 367 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908728-2910893--1689-2910939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
alle Politik soll diese Zukunft als ihren Leitstern anschon. Die Weltpolitik hat den Weltfrieden zu erstreben. Im politischen Denken reift so die Religion der Propheten: er ist ja selbst Politiker, Patriot und Märtyrer. „Er ist der Anwalt der Armen, die von der Herrschaft am Staate ausgeschlossen sind. Er ist der freie Redner, der mit der Geißel seines Enthusiasmus auftritt 'gegen die Könige, die Fürsten, die Reichen und Priester. Aber er begnügt sich nicht damit. Liebe zu predigen gegen die Armen, gegen die Witwen und Waisen, sondern in seinem Horizont erhebt sich der Fremdling. Und der Fremdling bleibt nicht der Gastfremde, für den auch Zeus ein besonderes Ressort hatte, sondern er wird zum Vertreter des Mens c h c n unter den Volke r n." Der Einzige Gott ist der Einzige Gott der Einen Menschheit. „Die Einheit Gottes bedeutet von Anfang an nichts anderes als die Einheit der Menschheit" Herder sagt mit Recht: War Jehova der Einige, der Schöpfer der Welt, so war er auch der Gott aller Menschen, aller Geschlechter. Die Propheten entdeckten den E i n z igen Gott an ihrer messianischen Idee von der einstigen E i n i g n n g d e r M cnschhei t. Ihr Patriotismus war der edelste, der •erhabendste: aber die Menschheit ging ihnen über ihr Volk. Sie wollten durch die messianische Zukunft zunächst ihr eigenes Volk sittlich bessern, politisch heiligen, bis zur Vernichtung 'schrecken und wieder aufrichten und erlösen. Sie traten auf wider Könige und Fürsten, die Priester und Adligen: sie gingen in Kerker und Exil. Sie wurden Märtyrer für eine Politik; und diese Politik ist nichts anderes, als was wir heutzutage Sozialismus und Völkerbund nennen. Sozialismus und Völkerbund. Wie der Messias, das „Licht der Nationen", an das Problem der Völkervielheit herantritt, so entzieht er sich auch nicht dem Problem der Verschiedenheit innerhalb der Völker, •der Verschiedenheit der Stände: des Unterschiedes von arm und reich. Ihrer Sozialpolitik gemäß sahen die Propheten die Armut als das eigentliche Menschenleid an und mußten sie doch mit der Gerechtigkeit Gottes in Einklang bringen. Sie, und nach ihnen die Psalmendichter;, erkühnten sich zu einer Konsequenz, die nur auf ihren Prämissen sich aufbauen konnte. Sie traten dem Mythos, für den das Leiden Strafe ist, entgegen und schlössen umgekehrt: der Arme ist unschuldig, er leidet unschuldig. Reichtum ist nicht Tugend und nicht Tugendpreis: vielmehr ist die Armut das Wahrzeichen der Frömmigkeit. So wird der Messias, der Gesalbte — der ursprünglich Priester und König hieß, der „Sproß Davids", der das jüdische Reich wieder aufrichten soll — .vom zweiten Jcsaja „Kjnecht Jahvcs" genannt; und wie er aus dem „König" ein „Knecht" wurde, so mußte er auch ein „Armer" werden. In diesem Motiv hat die Entwicklung des McssiasbegriPks seinen Höhepunkt erreicht. Sozialismus und Völkerbund — ist es bloß ein frommer Wunsch, ist es eine Utopie? Nein, antwortet der Melanismus. Die sittlichen Ideen werden sich endlich den Weg zu einer neuen Menschheit bahnen; dies ist der messianische Glaube an die geschichtliche. Macht des Guten. Glaube