Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohens Philosophie des Judentums
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 364 (sequence 7)
- Language
- German
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©er!- Gottesbegriff wird nicht in der Physik entdeckt, sondern in der •Sittlichkeit. s Es besteht eine Differenz zwischen Natur und Sittlichkeit^ aber kein Widerspruch. Dies gewährleistet der prophetische Gottesbegriff. Glaubt aber eine Ethik den prophetischen Gottesbegriff entwehren zu sollen, so droht sie in Pantheismus m verfallen; ein Drittes .gibt; es nicht; Es gibt keinen Ausgleich zwischen Monotheismus und Pantheismus. Und mit Atheismus läßt sich eine Ethik schlechterdings nicht anfangen. jWir sehen: Bildet der Primat der Ethik den Grundstein ihres Lehrgebäudes, so ist die prophetische Gottesidee ihr Schlußstein. Durch sie wird der Wirklichke^swert des Sittlichen gewährleistet. 4. Der prophetische Gottesbegriff hat noch eine tiefere Bedeutung, .die ihn zum Grundbegriff der idealistischen Ethik macht. Die idealistische Ethik bleibt vor dem Verdacht der Erklügelung oder der Einbildung nicht geschützt, wenn nur die Realisierbarkeit des Sittlichen durch den Gottesbegriff besagt wird; wenn nicht auch die Erkenntnis der Realisierung in ihm enthalten ist. Die Ethik wäre ein Machwerk, sollte nur ihre Existenzmöglichkeit und nicht ihre Existenzialität proklamiert werden dürfen. Es kann nicht genügen, wenn nur die Disponibilität der Natur für das Sittliche bejaht wird: daß die Wirklichkeit der Natur sich die Wahrheit des Sittlichen gefallen lassen kann. Verdient denn eine solche Wahrheit, daß man ihr Glauben schenke? Ist sie doch bloß eine Eventualität. Und der krasse Materialismus dürfte recht behalten: daß die ethische Wahrheit sich nie bewahrheitet hätte. Das Verhältnis von Natur und Sittlichkeit, Wirklichkeit und Wahrheit müßte inniger gedacht werden, wenn anders die Sittenlehre keine weit- und lebensfremde Theorie ist. Das Sittliche gewinnt an Natur, die Wahrheit an Wirklichkeit: so müßte man sagen dürfen; sonst ist es um die Ethik arg bestellt. Hier erlangt der prophetische Gottesbegriff seine Vollwertigkcit in der Messiasidee. Pessimisten und Quietisten sagen: Das Sein des Sittlichen sei ein ewiges Einerlei. Heraklit lehrte: Alles fließt in einem ewigen Kreislauf, in einem ewigen Wechsel von Weltenuntergang und Weltencntstehen. Die Messiasidee verkündet den Fortschritt der Kultur, die nicht Abstieg, sondern Aufstieg ist. Das Sittliche wird Natur, die Wahrheit wird Wirklichkeit. Die Messiasidee ist der Optimismus der Sittlichkeit, der Optimismus der idealistischen Geschichtsansicht. Der jüdische Gott ist Gott der Geschichte. Die Kulturgeschichte muß als die Geschichte des sittlichen Fortschritts der Menschheit aufgefaßt werden. Die Wirklichkeit der Geschichte gehört der Idee der Sittlichkeit. Die Gerichte gibt nicht dem Unrecht recht; sie rächt sich vielmehr an der- Bestialität des- Menschen, besser gesagt, der Mensch rächt sich an der Bostlo in ihm. Der Mensch ist kein Raubtier, daß man sagen dürfte: hciao liomini lupus. Jedenfalls ist er nicht verurteilt, es immer zu bleiben. Er ist nicht der ewigen Verdammnis preisgegeben, ist nicht