Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohens Philosophie des Judentums
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 362 (sequence 5)
- Language
- German
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Da ist der tiefste Unterschied zwischen den mythischen 'Religionen und der Religion der Propheten. Die Götter der Mythen verkünden Glück oder Unglück, Sieg oder Untergang; nicht aber, was gut sei. Der Mythos hat ein Interesse am Wesen Gottes, an der Natur Gottes; die Religion der Propheten an der S i 111 i c h - keit Gottes. Die Propheten sind die ersten, die diese Transzendenz G o 11 e-s erdacht haben. Auch unsere mittelalterliche Religionsphilosophie gibt sich mit der neugierigen Frage nach dem absoluten Wesen Gottes nicht ab. Nur diejenigen Attribute Gottes sind Gegenstand der philosophischen und religiösen Forschung, welche daß Wesen Gottes als das Urbild der Sittlichkeit bestimmen. Außerhalb dieses Interesses an der Sittlichkeit ist das Wesen Gottes unorforschllch, ist nicht Gegenstand des philosophischen Erkennens und ebensowenig des religiösen Glaubens. Nur „Attribute der Handlung'', lehrt der Klassiker der jüdischen Religionsphilosophie, dürfon von Gott ausgesagt werden. Maimonidcs graut es vor dem Pantheismus; er iä&l die pantheistische Verbindung /Avischen Gott und Natur im Sein gar nicht aufkommen. Er unterscheidet das Sein Gottes selbst vom Leben. Nur das Sein ist der Gotteserkenntnis zugänglich; das Dasein gehört unter dio negativen Attribute. Diese Position, welche in der ganzen jüdischen Religionsphilosophie behauptet wird, ist eine folgerichtige Fortführung der # ursprünglichen Bedeutung des prophetischen Monotheismus. An dieser grundlegenden Bedeutung können wir die Scheidung zwischen Judentum und Christentum ermessen. Das W e s e n Gottes bildet den eigentlichen Inhalt des christlichen Glaubens. Das Interesse bleibt an der Natur Gottes haften. Freilich vollzieht sich dieses Wesen in der ganzen Geschichte seines Daseins nur unter dem Gesichtspunkt der Sittlichkeit; aber es ist nicht der Gesichtspunkt der selbständigen menschlichen Sittlichkeit, durch den und auf dem das Wesen Gottes eingeschränkt ist. Das ist das Erbteil des Mythos, welches im Christentum lebt. Nicht, daß darum schon dieser Gottesbegriff unsittlich oder widersittlich würde; auch der Mythos hat die Tendenz zur Sittlichkeit. Aber eine au ß e r s i 111 i c h c Sphäre wird dadurch genötigt, das Dogma zu beschreiben. Die Transzendenz des jüdischen Gottes schließt ei n e I m m a n e n z ei n. Der Gottesbegriff ist dem Naturbegriff gegenüber transzendent: Gott ist nicht Natur. Er kann also nicht ein Gott-Mensch sein. „Die jüdische Gottesidee ist keusch." Sie kennt keine Vereinigung mit Gott. , Sie betet: „Die Nähe Gottes ist mein Gut" (Psalm 73); die Nähe, nicht Vereinigung. Aber die Idee Gottes bezieht sich auf die Mee des Menschen. - In dem Verlangen nach Gott, nach einem Wesen außer dem Menschen, aber für den Menschen bestimmt, besteht die Religion. Gott ist Gott der Menschen. Und der Vater hat die Aufgabe, seinen Kindern zu sagen, was gut sei. Dieses Gute hat zum .Objekt den Menschen, der auch als Subjekt-deses Guten gefordert wird. Bio Idee des Guten erhebt sich zur Idee der Menschheit. Das