Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohens Philosophie des Judentums
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 360 (sequence 3)
- Language
- German
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■M0.J;1.:„................:..............:............____ __.__.___________ Das Problem der Logik ist die Natur, das der Ethik der Mensch. Die Menschen sind keine Naturkörper, keine mathematischen Figuren, wie'sie etwa in Spinozas Ethik aussehen; und ihre Handlungen sind nicht raore geometrico zu bestimmen. Der Wille als ethisches Problem ist rein, ist Quelle und nicht Annex. Der Wille ist nicht Begehren, ist nicht ein Erleiden; er ist Erzeugung, Ursprung. Er ist nicht Denken. Die Nonnen der sittlichen Natur sind nicht Naturgesetze. Die Willensleiniieit, die Wissenschaft ist die Voraussetzung der Ethik als der Lehre von der Willenshandlung. Freilich ist der Wille sowohl mit dem Benken als mit dem Affekt verwandt, aber er wird in diesen zwei Momenten keineswegs erschöpft. Der Grundfehler der spinozistischen Ethik betseht in ihrer Identitätslehre vom intellectus und voluntas: niemand fehle freiwillig; das Verbrechen sei ein logischer Irrtum. Ist aber die Erkenntnis des Guten ein Affekt, so könnte die Parole Hobbes eine berechtigte Anwendung finden: Recht ist Macht. Die Reinheit des Willens kann daher nicht genug gelehrt werden; Der reine, d. h. der sittliche Wille erzeugt seinen .Inhalt. Dieser Inhalt ist immer Aufgabe, ist immer auf Zukunft gerichtet. Dieses Sollen als Aufgabe ist das Sein des Sittlichen. Im Gegensatz zu allem Materialismus, der die Geisteskultur als Wirkung der Wirtschaft erklärt oder das Individuum durch das Milieu bedingt sein läßt — durch diese Bedingtheit wird der Mensch gedingt, zum Ding gemacht, die Kulturgeschichte zur Naturgeschichte nivelliert — verkündet die idealistische Ethik den Menschen als ein Reich der Zwecke.- Die Zwecksetzung ist die souveräne Freiheit des Menschen. Er ist sich selbst Aufgabe. Er ist sich selbst Idee. Das Sein des Sittlichen ist nicht das Sein der Natur. Der Mensch der Ethik ist nicht der Mensch der Psychologie. In der Ethik des reinen Willens handelt es sich nicht um den naturhaften, leibhaften, isolierten Menschen — dieser gehört der Biologie an —, sondern um die Idee des .Menschen. Das sittliche Individuum entsteht erst in der Gemeinschaft. Der Begriff des Menschen kann erst im Begriffe der Menschheit.ergründet werden. In der Auseinanderhaltung und Gegenüberstellung von Sittlichkeit und Natur tritt unseine Kardinalfrage entgegen, die gleichsam die Schicksalsfrage der Ethik ist. Gibt es eine Korrespondenz z wischen den zwei Sein arten, zwischen Natur und Sittlichkeit? . Das Sein des Sittlichen wurde als , em Sollen gekennzeichnet, als das Sein des sittlichen Willens. Ist diesem Willen das Natursem versagt? Bilden sie vielleicht gar einen unversöhnlichen Gegensatz? Bleibt etw*a die sittliche Aufgabe mir ein frommer Wunsch, die sittliche Idee bloß ein schöner Gedanke? Ist die Ethik eine Erfindung, eine Erdichtung unserer Phantasie? Wohl haben wir den methodischen Zusammenhang zwischen diesen, zwei Seinsgebieten kennen gelernt, der vom erkenntnistheoretbehen Idealismus zum ethischen überleitet. Darf es bei der methodischen Verbindung sein Bewenden haben? Welche Kompetenz entscheidet nun, daß das Lehrgebäude der Ethik kein Luftschloß ist?