Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohens Philosophie des Judentums
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 359 (sequence 2)
- Language
- German
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Ethik laßt sich auf einem materialistischen Grunde schwerlich aufbauen. Man versteht so, daß gar viele Philosophen in der Erkenntnistheorie ausgesprochene Materialisten, in der Ethik hingegen quasi Idealisten sind. Cohen erkannte aber die materialistische Denkart in ihrer ganzen Tragweite, auch in ihren unbewußten Äußerungen und Gestaltungen, erhellte all ihre Schlupfwinkel und Verstecke und legte die Axi an ihrer Wurzel an: ihre Wurzel ist in der Logik. Darum geht die Logik der Ethik voran. Erst der erkenntnistheoretische Idealismus führt uns zum ethischen; und damit — zur methodischen BegründuTig der jüdischen Sittenlehre, die im Zentrum der Cohenschen Ethik steht. Wollen wir Cohens Philosophie des Judentums kenne;.* lernen, so müssen wir zunächst — wenn auch nur in kurzen Strichen — die Direktiven zwischen dem logischen und ethischen Idealismus unserer Darlegung voranschickem Die Logik der reinen Erkenntnis lehrt: das Denken ist souverän. Das Denken ist nicht Vorstellung. Die Vorstellung empfängt; das Denken ist sich selbst Quelle, trägt in sich selbst das Gesetz der Erzeugung seines Inhalts. Die Vorstellung erleidet, das Denken erzeugt das Sein. Das Denken darf nicht seinen Anfang außerhalb seiner seihet nehmen; weder in der Sinnlichkeit noch in der Anschauung. Es darf nichts Gegebenes als Grundlage hinnehmen, die Wirklichkeit muß ihm als Aufgegebenes, als X gelten, das von ihm erst zu bestimmen ist; nur das gesetzgebende Denken ist die Instanz, die das Urteil der Realität fällt. Die Grundlagen des Denkens sind die Grundlagen des Seins. Sie sind Ideen:Grundlagen, die zugeich Grundlegu n gen sind, iinSinm» der naturwissenschaftlichen Hypothesis. Sie sind begründet, indem sie begründen. Die Idee des Infinitesimalen ist die Methode der mathematischen Realität; die Idee des Unendlichen ist Grund des Endlichen; die Regeln des Endlichen, sagt Leibniz, reüssieren im Unendlichen, Die Idee ist die Rechenschaft des Begriffs, sie ist das Selbstbewußtsein des Begriffs. Sie ist Ursprung ihrer selbst. Durch diese „Idee des Ursprungs*' ist Cohen ein Wicdererwecker des Piatonismus, ein bahnbrechender Intcrpretor Kants und Stifter einer neuen Schule. Das Problem der Logik ist das Sein, das der Ethik das Sollen. Hat sich nun die Idee als Methode für die Erzeugung des Seins bewährt, um so mehr muß sie die Realität für das Seinsollen beanspruchen dürfen. So wird im erkenntnistheoretischen Idealismus der ethische Idealimns legitimiert. Das Vorangehen der Logik im System der Philosophie bedeutet aber nicht einen Vorrang, geschweige ein Vorrecht; es ist ein methodischer Vorgang. Ihm gegenüber steht der Primat der praktischen Vernunft Die Logik hätte keinen Zweck, wenn es keine Ethik geben würde. Wozu die Frage: Was ist?, wenn nicht die Frage: Wa* soll? Es wäre nörgelnde Klügelei und wertlose Gelahrtheit, sollten unsere Forschungen nicht für die Ethik fruchtbar gemacht wnrdcu können.