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Neue jüdische Monatshefte · 1918-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1918) · p. Seite 356

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 15-16 (10.5.1918)
Article
Nachruf an Hermann Cohen
Date
1918-05-10
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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356 tum. So wenig dieses ihm je in die vage Allgemeinheit einer Menschheitsreligiön zerfloß, so wenig das Deutschtum in die leere Abstraktion des Menschentums. In das" Geheimnis des Individuellen, das in Kants- Philosophie noch keineswegs bis zur letzten Tiefe erschlossen war, ist Cohen immer tiefer eingedrungen. Deshalb fordert seine Ethik, unmittelbar neben und in der kräftigen Betonung der, Allheit, zugleich volle Individualisierung der sittlichen Aufgabe für den einzelnen in der vollen Bestimmtheit seiner Lage, in konkreter Gemeinschaftsbeziehung. Daraus folgt für ihn die Verpflichtung gegen sein Judentum wie gegen sein deutsches Vaterland, zwischen welchen beiden er zugleich eine innere Beziehung sieht, die ihm möglich und zur Pflicht machte, gerade als Jude ganz Deutscher, als Deutscher ganz Jude sein zu wollen. Treue gegen den anderen einzelnen und gegen die Gemeinschaft, in die ein jeder gestellt ist, wird ihm zum Angelpunkt der Tugendlehre. Wie tiefe Wurzeln das in seiner eigenen sittlichen Persönlichkeit hatte, muß jedem bewußt sein, der ihm jemals menschlich näher getreten ist. Ich darf davon wohl reden, da ich vor anderen unerschütterliche Freundestreue von ihm erfahren durfte., Ein wissenschaftliches und lehrendes Zusammenwirken ohne solchen Grund gegenseitigen persönlichen Verstchens und Liebens wäre für ihn seiner ganzen Natur nach nicht wohl möglich gewesen.1 Er aber war, als der Ältere, in Leben und Erkenntnis- Vorangeschrittene, in dieser Freundschaft stets der Gebende; um so größer der Dank, den ich persönlich an diesem Sarge niederzulegen habe und durch die Wahrung seines Andenkens wie die Fortarbeit an dem gemeinsamen Werk bis zum letzten Atemzug zu betätigen hoffe. Am feinsten allen kahlen Allgemeinheiten lag sein ästhetisches Verhalten. Es war, weit mehr noch als selbst seine sittliche Stellungnahme, ihm eine Sache unmittelbarster, persönlicher Ergriffenheit. Zwar so wenig wie Cohen in die Arbeit der positiven Forschung oder der aktuellen 'Politik unmittelbar einzugreifen zu seinem Lebensberuf rechnete, ebensowenig hat er, meines Wissens, jemals gedichtet, oder über die Anfangsgründe hinaus Musik, ausübend oder schaffend, getrieben, oder Griffel und Pinsel geführt. Aber es war ihm gegeben, fast .mit völliger Überspringung alles Technischen dennoch mit einer ihm ganz eigenen Sicherheit und Schärfe * gerade die letzten Tiefen des Künstlerischen zu erfassen. Er lebte ganz in der Kunst, er empfand sie als restlose Mitteilung, unmittelbar lebendiges, liebendes Sichergießen. „Seid umschlungen,' Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!" — das ist seine ästhetische Grundstimmung. Doch verbleibt das wiederum nicht in der bloßen Subjektivität der inneren Erregtheit, sondern es geht unmittelbar über in eigene Mitteilung, und so doch in eine Art Produktion, in die Art der Produktion, für die eben er geschaffen war: in Ideenproduktion. Liest man in solcher Einstellung seine Ästhetik, so wird man ihr gerecht werden und reichen Gewinn;u?.s ihr schöpfen. Sie ist sein, persönlichstes Buch, und doch -eben «lamifc sachlich von einer Bedeutung, in ihrer Art wohl vergleichbar der der persönlichen Bekenntnisse großer Künstler über ihre innere Stellung zur Ki\nst.

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