Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1918) · p. Seite 355

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 15-16 (10.5.1918)
Article
Nachruf an Hermann Cohen
Date
1918-05-10
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908728-2910892--1676-2910927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Demgemäß will sogleich sein systematischer Leitgedanke der „transzendentalen Methode" verstanden sein. Gefordert wird ciarnit die Begründung jeder philosophischen Aufstellung auf den alleinigen Tatsachengrund des wissenschaftlichen Erkennens. Das „Faktum der Wissenschaft14, auf das Philosophie sich zu gründen habe, darf dabei •selbst niemals starr, als fertiger Bestand abschließenden Wissens vorstanden werden, sondern streng nur als beständig fortschreitende Forschungsarbeit. In „gedruckten Büchern" zwar liegt solche Arbeit als „Faktum" vor; aber eben solche wollen niemals starre Festlegungen bedeuten, sondern sie markieren nur gleichsam als Meilensteine den je erreichten Stand der Erkenntnis, gerade damit darüber hinausgeschritten werde. Darum verfolgt Cohen unermüdlich gerade jüngsten Fortschritte der Forschung, um an ihnen seine philosophischen Aufstellungen zu prüfen, zu bewähren, weiter zu klären und zu vertiefen — oder zu berichtigen. Und keinen Augenblick zögert er, die eigenen früheren Aufstellungen, wo es sich notwendig zeigt, ohne Zurückblicke] -fallen zu lassen. Aufs strengste aber versagt er sich jeden Eingriff in die positive Forschung; so ist es ganz ausgeschlossen, daß je die Grenzen zwischen Philosophie und Forschung sich ihm verwischten. Nur die unerbittliche Strenge solches allein „wissenschaftlichen" Verfahrens •der Philosophie hat es ihm möglich gemacht, zum Führer einer philosophischen „Schule" zu werden, die gar nicht in die Gefahr komir kann., einen ein für allemal festen Lehrbestand nur weiter zu überliefern, sondern die ernsteste Verpflichtung fühlen muß, das Gewonnen/ unablässig weiter zu sichern, zu entwickeln, zu verbessern. Nur Oberflächlichkeit aber hat verkennen lassen, daß im Zentrum seiner Philosophie nicht die — von ihm durchweg als Kritik, iv^ht •.schlechthin der Wissenschaft, sondern zunächst der exakten c' zur Exaktheit strebenden Naturwissenschaft verstandene — Log,..-., sondern die Ethik steht. In ihr ganz besonders spricht der kräftig Aktualitätscharakter seines Philosophierens sich aus. Er verräf sk .schon darin, daß in ihr der sonst in der Ethik kaum beachtete Bor;:;H des Sieges eine geradezu beherrschende Stellung einnimmt. Sittlich!-:' ist nicht Kampf allein, sondern Sieg. Die große Entdeckung jüdischen Frophetie, die „ewige Zukunft" des Menschengeschlechts, wird .seiner Ethik zum Leitgedanken. Sie erhellt ihm den Sinn der Kantis'' - wie schon der Platonischen „Idee" als „unendlicher Aufgabe", & begründet zugleich die ideale Bedeutung des Staates als (nicht s : v( seiender als ewig'werdender) „Genossenschaft", Societas. So wir ' * praktische Idealismus zum Sozialismus, einem Sozialismus aber v-'-u einer idealen Höhe, die keine Verwechslung möglich macht mit drr 'Zeitforderung irgendwelcher Partei; so warm er auch, schon Von seiiy-r Verbindung mit Friedrich Albert'Lange her, in der großen wirts-ch;-:.- lich-politischen Bewegung des deutschen Sozialismus den idealistisch*-. Kern anerkannt, und sie deshalb mit lebendig persönlichem Ali¬ bis zuletzt begleitet hat, Als Sozialist ist er zugleich Hum,?n^; — doch nie zum Schaden der Vaterlands treue, die vielmehr ihm e );• :• > selbstverständlich war wie die Treue gegen sein angestammtes JvAw-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.