Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Nachruf an Hermann Cohen
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908728-2910892--1675-2910926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
354 * Es ist sicher im Sinne de« Entschlafenen, wenn ich versuche unter eben diesem Gesichtspunkte die Umrisse seines Wesens an Hand der Grunddisposition seines Systems zu zeichnen. Dieses System, ist und will nur System der Methoden sein, der Methoden eben jener geistigen Zeugung, in der das Leben des Geistes, als erkennendes Leben, lebende Erkenntnis, überhaupt besteht. In der entschiedenen Voranstellung der Methode erschien Cohen und erscheint bis heute vielen als einseitiger Rationalist. Er ist, Rationalist, sofern er in alle Schlupfwinkel des Bewußtseins hineinleuchtet mit der Leuchte des Gedankens. Er war Lichtireund^ und* ist es geblieben bis zum letzten Atemzug. Aber er ist nicht Rationalist, wenn man darunter versteht den Leugner eines letzten, immer neu und immer tiefer zu Durchleuchtenden, Un- und Überendlichen. Gerade auf ein solches deutet vielmehr der von ihm gern gebrauchte, übrigens altkantische Vergleich des Ursprungs und der Erzeugung aus ihm; beide, der Ursprung und dio Erzeugung, sind ihm unendlich. Nur durch ein fast unbegreifliches Mißverständnis hat man in seiner Frühzeit einen bloßen Analytiker, einen Zergliederer fertig vorliegender Gedankenmassen in ihm sehen wollen. Ganz im . Gegenteil sind es stets die verborgensten, letztlieh zentralen Zusammenhänge, in die sein Denken sich nur immer tiefer hincinbohrt. Erst von diesen aus ergeben sich die notwendigen Auseinanderlegungen, und sie dienen nur rückwärts die Synthesen zu erhellen und dann wiederum synthetisch weiterzuentwickeln. Deshalb vermißt man in Cohens Büchern nicht ohne Grund jedes eigentliche, nämlich 'analytische, Beweisen. Durch jede vorläufige Antwort auf eine gestellte Frage werden in Wahrheit nur neue, .meist schwerere Fragen gestellt. So scheint, keine Lösung erreicht zu werden. Wirklich gibt Cohen keine Lösungen, Im Sinne perfekter Analyse, vollständiger Auflösung des Knotens, sondern er entdeckt nur immer neue, geschlossenere Zusammenhänge. Aber eben damit löst sich der —- sonst im vermeintlich abgeschlossenen Ergebnis gebunden bleibende — Blick des Geistes. Wer das einmal begriffen hatte, den nahm es nicht wunder, daß Cohen, nachdem er die angestrengte Arbeit von Jahrzehnten einzig an die Kommentierung der Werke Kants zu wenden geschienen hatte, auf einmal als Begründer eines Systems hervortrat, welches, ganz aus dem Kants ■ hervorgewachsen, doch in einschneidenden Fragen entschlossen über ihn hiürmsging. Die Forschungsgenossen standen meist ratlos vor diesem System, das so wenig döm gemeinhin angenommenen Begriff eines; solchen entsprach. Denn man denkt sich darunter etwas ringförmig Geschlossenes, eine „Znsammenstellung" zugleich deutlich auseinanderliretendor Bestandstücke zu einem Ganzen, von dem sich nichts wegnoch hinzudenken lasse. Sin System in solchem Sinne hat Cohen nicht gewollt und gar nicht wollen können. Vielmehr liegt gerade darin Co unvergleichlich vorwärtstreibende Kraft seiner Systematik, daß sie r^uiidsätslich keine solchen Antworten gibt, bei denen sich stehen Laiben läßt. Sie kennt in gewissem Sinne wirklich nur Fragen, nicht Anderten. "Indessen gibt dio tiefere Frage zugleich Antwort auf die noch nicht in gehöriger Tiefe gefaßte Frage; nämlich daß sie tiefer su fassen ist, und immer noch tiefer.