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Neue jüdische Monatshefte · 1918-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1918) · p. Seite 353

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 15-16 (10.5.1918)
Article
Nachruf an Hermann Cohen
Date
1918-05-10
Page
Seite 353 (sequence 1)
Language
German
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Nachruf an Hermann Cohen gesprochen bei der Trauerfeier auf dem israelitischen Friedhof von Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Paul Natorp, Marburg, 01 ar es mir, dem langjährigen Amtsgenossen und Freunde des ^\M'Ü^t dahingegangenen, ein unabweisbares Gebot, an dieser Stätte SVä^GJ dem unauslöschlichen Dank Ausdruck zu geben für des, was Hermann Cohen mir gewesen ist, so stehe ich doch zugleich und zuerst hier als Vertreter der Universität und der Fakultät, der er den Hauptteil seiner Wirksamkeit geschenkt und auch nachuseinera Scheiden noch seine Treue bewiesen hat, der Universität und philosophischer Fakultät Marburg. Beide, der Sektor unserer Universität, Prof. D. Koitmittler, und der Dekan der Fakultät, Geheimrat Prof. Dr. Friedrieh Vogt, haben mich beauftragt zu erklären, daß sie nur wegen der besonderen Zeitumstände nicht selbst hierher geeilt sind, wie sie unt'v? normalen Verhältnissen für ihre Pflicht gehalten hätten, und mit allem Nachdruck auszusprechen, daß unsere Universität und Fakultät sich voll bewußt ist, was sie an Cohen besessen hat und in ihm verliert. Seine von Anfang an starke, fortwährend wachsende, im letzten Jahrzehr.t zu außergewöhnlicher Weite und Tiefe entfaltete Lehrwirksamkeit, der Eindruck seiner eigengearteten großen Persönlichkeit, die unwiderstehlich werbende Kraft seiner idealen Gesinnung, die auch den Widerstrebenden zu seinen Füßen gebannt hielt und jeden ernsten Menschen im tiefst> v aufrütteln mußte, hat vielleicht mehr als das Wirken irgendeines ander: r. einzelnen dazu beigetragen, daß die Universität unseres Lahnstädtchens heute neben viel größeren mit vollen Ehren im In- und Ausland gena-r.it wird. Ein bleibendes Denkmal dieser Wirksamkeit ist seine Schöpfung des Philosophischen Seminars; aus ihm ist, in der kurzen Zeit scr Bestehens eine so stattliche Schar in gleicher Grundrichtung selbständig weiterstrebender Forscher hervorgegangen, wio wohl zurzeit keine andere philosophische Forschungsrichtung sie aufweisen kann. Ein Kranz rasch welkender Blumen ist ein schwacher Ausdruck des Dankes für solche Leistung. Doch wird das Vergänglichste de- Verstehenden zum Symbol des Unvergänglichem Nicht mit der Giorb der Vollendung will dieser Kranz die Schläfe des Toten schmücke:.; gemahnen will er an das tiefe Geheimnis der ewigen Aussaat und Erneuerung des geistigen Lebens. Nicht ein Nichtsterben will er vortäuschen, aber das ewig neue Erstehen des Lebens aus dem Tode vergegenwärtigen. So hat Plato im „Gastmahl-4 die pflanzlich-tieriixho wie die geistige Fortzeugung verstehen gelehrt als nicht Unsterblich"^-t-, aber ewige Verunsterblichung des Sterblichen, und hat dadurch o.:n Sinn des Lehrens und Lernens, den Sinn des echten Philosophiere;::« aufgehellt, als nicht toter Fortüberlieferung fertiger Weisheit, so::ider?. immer neuer Weckung lebendigen Erkenntnisstrebens. Cohen kc,l v: denselben Gedanken den gerade in seiner Paradoxie schlagenden Aus« druck gefunden; Die Erzeugung selbst sei das Erzeugnis. Leben lebt, und zeugt Leben; Leben ist ewiges Sichselbstfortzeugcn, und nur dadurch Selbsterhaltung.

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