Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1918)
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 348 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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meinem persönlichen Verhältnis zu seiner Lehre zu sprechen. Aber es bedurfte nur kurzer Zeit und er hatte dieses ganze innere Verhältnis, ohne daß es mit einem Wort ausgesprochen wurde, völlig; erraten und völlig begriffen. Und wie er mir nun mit unvergleichlicher Wärme, mit der ganzen impulsiven Lebendigkeit seines Wesens entgegenkam, wie er jeden letzten Rest von Scheu in mir besiegte, wie er nicht rastete und ruhte, als bis ich mich ihm ganz bekannt und mich ihm ganz gegeben hatte: — das wird mir für immer unvergeßlich bleiben. Der Strom von Herzlichkeit, der von ihm ausging, durchbrach alle Dämme der Konvention, er beseitigte alle äußerlichen Schranken, er ging über allen Abstand und alle Gegensätze hinweg, die zwischen dem Jüng- Img und dem gereiften Manne, zwischen dem Meister und dem Schüler bestanden — bis schließlich das Verhältnis vom Lehrer zum Schiller sich rein und völlig auflöste in das tiefste und innigste " Freundschaftsverhältnis — in eine Freundschaft, die durch mehr als zwanzig Jahre bestanden hat und die in dieser ganzen' Zeit niemals eine Änderung, niemals eine auch nur .vorübergehende Trübung erfahren hat. Und. in dieser Freundschaft erst hat sich mir das Wesen Hermann Cohens wahrhaft erschlossen: denn das Geheimnis dieses Wesens lag in der unvergleichlichen Einheit seines Willens und seines Intellekts, seines menschlichen und seines geistigen Seins. Untrennbar war beides in ihm verschmolzen. Sein Denken war getragen und durchglüht von einer gewaltigen, bis ins höchste Alter ungebrochenen Willenskraft; sein Temperament und seine persönliche Liebe waren auch in jeder rein gedanklichen Äußerung unmittelbar gegenwärtig. Wie von einer unsichtbaren inneren Kraft schien er bisweilen im Forschen und im Leben vorwärts getrieben zu werden; aber diese Kraft besaß zugleich die Klarheit und Sicherheit jenes Daimonion, das in allen wahrhaft großen Naturen lebendig ist. Hier wirkte ein leidenschaftlicher Wille, der doch beständig danach strebte, sich selbst in höchster objektiver Deutlichkeit zu begreifen und sich über sich selbst Rechenschaft zu geben. Als eine solche Rechenschaftsabiegung vor sich selber, als ein A6yov diödvcu im Sinne Piatons hat er die Philosophie verstanden. Er griff nach den letzten und höchsten Abstraktionen des Denkens, um in ihnen den sittlich-religiösen Grundtrieb seines Wesens zu verstehen und zu begründen. So verband sich in ihm der Eifer und die Glut des Ethikers mit dem D'rang zur höchsten kritischen Besonnenheit Aber anderseits wußte er auch dort, wo er als reiner Logiker und Dialektiker sprach, von keiner Theorie, die sich vom Leben ablöst. Wie seine Lehre aus dem Leben stammte, so griff sie immer, wieder unmittelbar ins Leben ein. Das Grundgesetz der Wahrheit bestimmte und beherrschte auch seine Auf- Sissung und seinen Aufbau der Ethik: der Idealismus des Begriffs 'x/ur.&e ihm-1 zum Idealismus der Tat. Alles was sein Gedanke ge- •vonrion, strebte wieder über den Umkreis des bloßen Gedankens hinaus lind suchte. seine letzte Bewährung in der Richtung auf die großen sittlichen, auf die nationalen und die sozialen Probleme. Zwischen