Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Der Sinn der "Vergeistigung"
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
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334 europäischen Bildner seiner Philosophie sind, der an das Evolutionsprinzip als an ein unabänderliches Weltgesetz glaubt, zu wsnig den Geist Welt werden lassen will; weil er eben nur ein geistiges Zentrum will, was allerdings nur eine Art von Verwirklichung des Geistes hinter „Klostennauern" ist, wenn auch sehr ins Große gesteigert. Die Vergeistigung will kein geistiges Zentrum, sondern eine vergeistigte Weltlichkeit, kein Zentrum für das Diasporajudentum, sondern ein neues Dasein für das gesamte Volk, oder vielmehr die Teile desselben, die stark und gesund genug sind, dieses Dasein zu wollen; sie ist nicht Achad-Haamismus sondern Zionismus, also golusverneinend und zionsgläubig. Und ihr sei Palästina „nur noch ein Geistiges, fast schon ein Symbol", und sie „verzichte auf ein konkretes Palästina?" In Wahrheit ist ihr Palästina viel realer und dringender als jenen Weltlichen, die von Palästina viel weniger hoffen und verlangen. Wie könnte Palästina demjenigen „nur noch ein Geistiges, fast schon ein Symbol sein", der von ihm nicht nur ein national freies Leben für das jüdische Volk, sondern ein ganz neues, besseres Leben für alle Glieder des Volkes, für sich selbst erwartet, und der glaubt, daß diese Erneuerung seines Lebens nur in Palästina möglich sei, weil der Geist eines Volkes zu seiner wahrhaften Erfüllung an eine bestimmte irdische Statte gebunden ist, ja, an eine bestimmte irdischo Stätte, so sehr weltlich, so sehr irdisch, so sehr erdhaft ist diese „Vergeistigung", die hinter „Klostermauern" verbannt werden soll. Ist nicht einem solchen vergeistigten Zionisten, dem Palästina nicht nur die Erfüllung seiner nationaljüdischen, sondern seiner höchsten menschlichen Ideale sein soll, Palästina zumindest ebenso konkret und real wie dem weltlichen der von ihm nur als Jude die Befreiung, nicht aber menschlich die Möglichkeit der Erneuerung erwartet, weil er sie nicht will und an sio nicht glaubt. Und darum ist es auch so unsagbar falsch, wenn gesagt wird, der Vergeistigung sei Palästina ein Ziel, „das man ohne die Mittel dieser Welt verwirklichen kann". Wie könnte, wie wollte sie auf die Mittel dieser Welt verzichten, ohne auf die Verwirklichung ihrer Forderungen, auf das Ernstmachen mit der Vargeistigung zu verzichten? Wie sie die Politik bejaht, die Macht anerkennt, die Welt mit allen Fasern und Regungen liebt, so sehr liebt, daß ihr der Geist nichts wäre, könnte er sich nicht in der Welt erfüllen, so will sie auch die Mittel diesor Welt. Sie will sie aber nur als Mittel, um sie in den Dienst ihrer Zwecke, der Postulate des Geistes, zu stellen; sie sind ihr nicht Selbstsweck, wie sie es der Lebensform des Kapitalismus sind, der die Wirtschaft, dieses technische aller Mittel zum Dasein des Menschen, zum zentralen Inhalt, zum Zweck des Lebens geworden ist; in der der Mensch wahrhaft «in Wesen ist, das lebt, um zu essen. M. zitiert ein schönes und kluges und sehr jüdisches Wort aus dem Talmud, das erzählt, als man die bösen Triebe einmal einsperrte, sei in ganz Palästina am dritten Tage kein frisches Ei mehr zu finden gewesen; sehr jüdisch, sage ich, ist dieses Wort, weil das Judentum stets diese Welt und ihre Mittel bejaht hat und mit Recht derer spottet, die die bösen Triebe einsperren wollen. Nur vergißt er einen anderen Satz des