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Neue jüdische Monatshefte · 1918-04-25 · Heft 14 (25.4.1918) · p. Seite 330

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 14 (25.4.1918)
Article
Der Jude in Karl Marx
Date
1918-04-25
Page
Seite 330 (sequence 4)
Language
German
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330 Vor einer Reihe von Jahren hat ein instinktloser Professor Marx als einen „Wertnihilisten11 entlarven wollen. Wer nicht am Äußerlichen klebt, sondern die Kraft der Urflamme spürt, die das ganze Lebenswerk dieses Kämpfers und Denkers erst zur Einheit schmiedet, dem braucht nicht bewiesen zu werden, daß wir in Marx einen echten Gläubigen vor uns haben, der wie ein Nachtwandler zusammengebrochen wäre, wenn die Stimme des Zweifels je hätte zu ihm dringen können» Er besaß den Glauben an die Aufwärtsentwicklung der Menschheit, den Glauben, der in den alten Propheten zum erstenmal zu Worte gekommen war. Das „Bestehende zu verklären*' war in Marxens Augen „eine deutsche Mode", von der er sich frei wußte, und wie verhöhnte er die „Realpolitiker", die nur das nächst vor der Nase liegende Interesse als „Realität" begriffen! Die bestehende Gesellschaft, man weiß es, verurteilte der Verfasser des „Kapital" in Grund und Boden; um so stärker erfüllte ihn der Glaube, den er selbst freilich für eine Erkenntnis hielt, daß diese verkommene Gesellschaft mit immanenter Kraft eine andere bessere Gesellschaft erzeugen werde. Und deren peburtswehen hoffte er abzukürzen und zu mildern, indem er ihr ihr Ökonomisches Bewegungsgesetz enthüllte. Nun erscheint Marx zwar in seinem wissenschaftlichen Oeuvre als konsequenter lntellektualist. Weil er seinen Glauben für Erkenntnis nimmt, tritt er nur als ein Erkennender an den Stoff heran, weil er gewiß ist, daß die Zukunft sein Ideal, verwirklichen muß, will er die Menschheit zu seinen Ideen nicht überreden, sondern sie überzeugen, verschmäht er es, sein Ethos frei ausströmen zu lassen, setzt er dem Propheten die Gelehrtenbrille auf. Aber wem der Schein das Wesen nicht verbirgt, der verspürt in dem unruhvollen Trieb nach Erlösung der darbenden Menschheit, der ihn beherrscht, das pulsende Blut jener Gewaltigen, die auszogen, „den Elenden frohe Botschaft zu bringen" und „den Gefangenen Freilassung anzukündigen", die den Mühseligen und Bcladenen zuriefen: „Ich hin Gott und außer mir gibt es keinen Erretter" und den Armen: „Pfade, die sie nicht kannten, will ich sie betreten lassen. Ich wandle die Dunkelheit vor ihnen her ins Lieht." Die Emanzipation des Menschen vom Elend durch die Aufhebung des Proletariats: dieser echt prophetische Gedanke beseelt Marx. Wie Jesajah dem König Alias und seinem Reich, so weissagt er der Herrschaft des Frühkapitalismus, der ebenso erbarmungslos wie der alte Molochdienst die Kinder hinschlachtete, den Untergang. Aber während die Propheten die schwarzen Wolken des sich türmenden Verhängnisses zeitweise zu verjagen und mit dichterischem Schwung eine lichtere Zukunft auszumalen vermochten, erschöpft Marx, weil er von keinem Gott sondern nur von den Entrechteten selbst das Heil erwartet, Bich ganz darin, für den weiten von heißen Kämpfen erfüllten Weg, der zum Ziele führt, den Feldzugsplan zu zeichnen und die Kämpfer zu lehren, sich ihrer Waffen zu bedienen. So bleibt er der Prophet des Klassenkampfes, und es ist ihm nicht gegeben, mit glühenden Worten auch die Zeit auszumalen, wo die Spieße zu Winzermessern und die Schwerter zu Karsten umgeschmiedet werden können. Unter den scheinbar kalten

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