Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 324 (sequence 6)
- Language
- German
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324 polnische Land seinen Bewohnern, und wenn geltend gemacht wird, daß die Auslebung in mystischen Religionsgebräuchen und Religionsübungcn bei den polnischen, wolhynischen und südrussischen Juden eine ebenso begreifliche Erscheinung sei wie der starre die Religion beherrschende Rationalism.us bei den litauischen Juden, der sowohl den Glanz des talmudischen Scharfsinns in den oberen Schichten dieses Volksteiles als auch allenthalben die Widerstandskraft gegen jene sektirerische Religionsgestaltung der Chassidim zu zeitigen vermocht hat, die ohne eine gewisse Feindseligkeit gegen Bildung und Gelehrtenarbeit kaum zu denken ist. Der Gegensatz zwischen polnischen und litauischen Juden ist für jenen, der Gelegenheit hat, sie miteinander zu vergleichen, deutlich genug wahrnehmbar. Die typische Verschiedenheit tritt beinahe immer nach kurzem Gedankenaustausch als ein das Individuum charakterisierendes Merkmal in die Erscheinung. Es ist auch kein Zufall, daß man gerade in geistigen Berufen, insbesondere unter den Chederlehrern in Polen, auffallend oft Litwaken, und zwar wirklieh Litauer findet. Mit einiger Vorsicht möchte ich den Eindruck in dem Sinne fassen, daß der Litwake das scharfsinnigere, geistig regsamere Element ist. Ich möchte das nicht in dem Sinne verstanden wissen,-daß das polnische Judentum heute noch geistigen Interessen ferner steht, aber einmal muß da festgestellt werden, daß in nennenswertem Umfange literarische Betätigung im polnischen Judentum sich viel später als in Litauen entwickelt hat und weiter, daß es nur eigentlich das Gebiet der schönen Literatur ist, auf dem diese Betätigung zutage getreten ist. Es mögen immerhin auch Ausnahmen nachweisbar sein. Ich kenne die jüdische Literatur und sonstige Kunstbetätigung viel zu wenig, als daß ich mir ein abschließendes Urteil erlauben möchte, aber die Weichheit, die ganz ausgesprochen stärkere Heißblütigkeit, der wenn auch einseitige und nach unseren Begriffen wohl poesielose Phantasiereichtum, der, wie kluge Beobachter meinen, in der Natur des polnischen Landes, also in geo-psychi sehen Zusammenhängen wenigstens eine Wurzel haben dürfte, all das, was die ungeheuer gesteigerte Orgiastik in der mystischen Ausgestaltung der Religionspflege erklärlich macht: alle diese Eigentümlichkeiten lassen es so selbstverständlich erscheinen, daß der polnische Jude nur allzu leicht in einen Gegensatz zum Talmudstudium sich hineingelebt hat, und daß ihm die ins Ekstatische gehende Rebbeverehrung, diese Verehrung des „Übermenschen des Chnssidismus" ein der polnisch-jüdischen Volksseele weit besser entsprechender Ersatz für jene Gelehrsamkeit ist. Der Chassidismus ist im polnischen Judentum nicht nur heimischer als irgend sonstwo — vielleicht Wol- hynien ausgenommen — er ist vor allem auch aktiv und aggressiv, gewiß aggressiver als in Wolhynien, Podolien und Südrußland und hat in Polen bis vor kurzem eine ganz andere Widerstandskraft gegen die „Gefahr" weltlicher Bildung und europäischer Zivilisation gezeigt als in Rußland. Orthodoxie ist es, womit man in Polen wie in Litauen