Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 323 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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so .völlig verflüchtigen konnten, wenn sie jemals da waren. Und diese Frage ist um so berechtigter, als doch über Litauen wie über Polen in der Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Kosakenaufstande, mit der schwedischen Invasion und dem Haidamakenaufstande ein Elend hereingebrochen war, das das geistigo, Leben so völlig zum Ersticken brachte,, daß im letzten Drittel des Jahrhunderts ein vollständiger Neuaufbau notwendig wurde und gerade in Litauen auch tatsächlich erfolgte. Die abgrundtiefe Verschiedenheit, die sich also im Laufe de Zeiten hinsichtlich des Geisteslebens zwischen dem litauischen und de:- polnischen Judentum ausgebildet hatte, läßt sich gar nicht mit grellere Farben malen, als es durch die Verschiedenheit des religiösen Löbens geschehen ist. Die vom Rabbi Israel Ben Elieser Baa!scho*?i- Tow (Beseht) ausgehende mächtige Woge einer mystischen Gestaltung des jüdischen Religionslebens, die in Polen und Wolhynien, auch in Südrußland die Judcnheit mit sich riß, ist an den festgefügten. Steinquadern des litauischen Rabbinismus fast wirkungslos abgeprallt, und ich meine, der Soziologe kann darüber nicht hinweggehen, daß man es mit Verschiedenheiten in den völkerpsychologischen Grundtatsachen zu tun haben muß. Auf sie ist es zurückzuführen, daß das polnische Judentum vom Chassidismus erfüllt und so nachhaltig in ihm gefesselt geblieben ist, während die litauischen Juden Träger einer gelernte n Orthodoxie geblieben und Führer in der Haskalah geworden sind Es ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch die KraK der Persönlichkeit hier ziemlich entscheidend mitgespielt haben rn&g. Es war gewiß von großer Bedeutung, daß aus den Kreisen des litauischen Judentums nach dem ungeheuren Erfolg der starken Persönlichkeit des Beseht eine kaum minder starke in dem großen Wünaer Gaon Rabbi Elijahu bald darauf entgegentrat, der den BannstraM aui den Chassidismus schleuderte. Allein schon die Tatsache, daß der Chassidismus in Litauen nur in einer schwächeren Abart und beeinflußt durch den im litauischen Volk lebenden Rationalismus Eingang finden konnte, weist auf das Vorhandensein anderer entscheidender Kräfte hin:i). Es ist nicht hier der Platz, zu untersuchen, ob es richtig hU wenn behauptet wird, daß die Kargheit der Natur die natürliche Armut des Landes dem litauischen Volk und also auch dem litauischen Judentum ein anderes Seelenleben aufgezwungen habe als das reichere 3) Die Tatsache, daß der Chassidismus sich nur in der Form 'k Chabadismus mit einer vollen Anerkennung der Notwendigkeit eine? gewissen Bildung und Talmudpflege einzunisten vermocht hat, darf r/oH wenn auch nicht als Beweis, so doch als Stütze für die Annahme angesehen werden, daß auch ohne die starke Persönlichkeit des Rabbi Elijahu Gaon von Wilna die Flutwelle des Chassidismus in Litauen einen starken Das*vorgefunden haben würde, der tiefer gegründet war als in dem doch rar.-- -vorübergehenden Einfluß einer Persönlichkeit auf ihre Zeitgenossen, cl'-cn •> durch Jahrhunderte gepflegte Bildungstradition, die immer ein Hwann^ für den Sieg der Mystik bilden wird.