Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-04-25 · Heft 14 (25.4.1918) · p. Seite 322

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 14 (25.4.1918)
Article
Die Litwaki
Date
1918-04-25
Page
Seite 322 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908727-2910848--1631-2910868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

522 Noch heute kann der Litwake, wenn er in kleinere Orte Polens kommt, sicher sein, daß ihm irgendwo ein „Litwak-Chaser" oder >,Litwak-Ganef" entgegenklingt. Vor 20 bis 30 Jahren war das noch viel schlimmer. Und erkannt hat man die Litwaken sofort, die litauischen Juden schon an ihrer eigenartigen Aussprache, wie gesagt, des Jüdischen und noch mehr des Hebräischen. Als die russischen Juden damals ins Land kamen, wurden sie im Hinblick darauf, daß sie sich so vielfach über die Äußerlichkeiten der jüdischen Gesetzgebung hinwegsetzten, daß sie europäisch gekleidet gingen, am Sabbath Zigaretten rauchten und dennoch als fromme Juden anerkannt sein wollten, von den polnischen Juden als Epikuräer gebrandmarkt und geradezu als Gojim verurteilt. Die Verschiedenheit saß freilich gerade zwischen polnischen und litauischen Juden noch viel tiefer, und es ist kein Zufall, daß hier der in Jahrhunderten' gewachsene Gegensatz zwischen polnischem und litauischem Judentum — jetzt Litauen im eigentlichen politisch-geographischen Sinne — mit voller Wucht zur Geltung kam. Die polnischen Juden haben den äußerlichen Gegensatz gegenüber allen aus Rußland gekommenen und in der Tat mit merklich russischem Gepräge auftretenden Volksgenossen empfunden. Gekennzeichnet haben sie aber diesen Gegensatz, indem sie diesen Volksgenossen unterschiedslos nach jenem Teil ihres Volkes den Namen gaben, zu dem sie durch eine Jahrhunderte lange bei beiden Teilen eigenartige Entwicklung in einen nicht nur äußeren, sondern auch inneren Gegensatz gekommen waren. Es . ist dabei wie ein Witz der Weltgeschichte, daß der innere geistige Gegensatz, den die polnischen Juden gegenüber den litauischen fühlen, fast noch mehr zwischen den letztgenannten und den wolhynischen und südrussischen klafft, und daß diese nun doch auch mit den litauischen unter dem Sammelnamen der -Litwaken sich abfinden müssen. Die litauischen Juden haben seit Jahrhunderten eine Sonderstellung unter allen Ostjunden eingenommen: sie waren von langer Zeit her die hervorragendsten Träger des geistig-wissenschaftlichen, insbesondere religions-philosophischen Lebens. Wilna, diese Hochburg des Rabbinismus, auf die gewissermaßen die Tradition der talmudischen Wissenschaftspflege von den sefardischen und deutschen Juden übergegangen war, hat diese Tradition, an der infolge der staatlichen Einheit früher auch Polen einen gewissen Anteil hatte, für sich zu erhalten gewußt. Freilich wird das Erklärungsbedürfnis gegenüber dieser Gegensätzlichkeit mit der Feststeilung einer historischen Tradition für eine bis in die untersten Schichten des Volkes eingedrungene gelernte Religiosität nicht befriedigt, und es drängt sich namentlich bei nur leisem soziologischen Interesse die Frage auf, weshalb gerade in Litauen der Rabbinismus so fest verankert ist, weshalb das Judentum in Litauen, das doch so lange unter gleichen Herrschaftsverhältnissen wie das polnische gelebt hatte, dieses so völlig andere Gepräge ge- T/irnien konnte. Es liegt die Frage zu nahe, wie es gekommen sein sag, daß sich in Polen die Einflüsse dieses gelehrten Religionsweaens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.