Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 320 (sequence 2)
- Language
- German
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320 d. h. die wirklich aus Litauen stammenden Juden, seit langer Zeit unter den Ostjuden eine ganz eigenartige Stellung eingenommen und heute noch nicht verloren haben, eine Sonderstellung, die sich, nachdem eine äußere .Assimilierung und Ausgleichung äußerer Gegensätze längst eingetreten ist, auf dem Gebiete des Geistes- und Gemütsiebons zweifellos noch fortbesteht und wirksam ist. Das, was namentlich auch den Polen und nicht nur den Juden an der ganzen jüdischen Einwanderung unliebsam auffallen mußte, war die Sprachfremdheit und der Gesamteindruck einer gewissen Russ.ifiziertheit, also eine auffallendere Volksfremdheit als bei den in Polen beheimateten Juden. Nun ist ja wohl zuzugeben, daß auch die polnischen Juden nur zu einem Bruchteil, der in manchen Gegenden recht klein ist, da und dort auf etwa 5 v. H. heruntersinkt, der polnischen Sprache mächtig sind1). Wenn sie also insofern nicht genügend polonisiert erscheinen mochten, so standen sie dem Russischen doch wenigstens ganz ferne. Die Litwaken dagegen, diese Zugewanderten, sprachen polnisch überhaupt nicht, verstanden es selten und dann nur schlecht; sie sprachen, wenn sie kamen, jiddisch, hebräisch, waren wohl auch vielfach des Deutschen, Litauischen oder selbst Lettischen, vor allem aber durchweg des Russischen mächtig. Bei sachlicher und ruhiger Überlegung konnte die Nichtkenntnis des Polnischen nicht überraschen. Die Zugewanderten beherrschten eben die Sprachen, die in jenen Gebieten gesprochen wurden, *) Sprachlich liegen die Dinge heute so, daß die völlig assimilierten Kieise der Juden nur noch polnisch sprechen, natürlich auch nicht deutsch, vor allem aber nicht jiddisch, und daß sie deshalb dorn nicht assimilierten Teil, also der Masse des Judentums, so fern stehen, daß ihnen auch die Einflußnahme auf sie unmöglich wird. Das hat sich in ganz auffallender Weise in jüngster Zeit bei jenen Bestrebungen gezeigt, die von assimilatorischer Seite, also von den Polen jüdischer Abstammung, wie sie sich jetzt nennen, darauf gerichtet werden, eine Assimilierungspropaganda zu treiben und vor allem jüdische Nationaltendenz in der jüdischen Jugend zu bekämpfen. Es stellen sich in diesen Bestrebungen Schwierigkeiten nämlich vor allem dadurch entgegen, daß diese assimilierten Kreise des Jiddischen, nicht mächtig sind, und daß umgekehrt die Juden gerade in jenen Siedlungen, in denen diese Propaganda einsetzt, in großen Städten wohl zur Not etwas Polnisch verstehen aber nicht polnisch sprechen können. Man wird also allerdings nur mit einiger Vorsicht die Sprachkenntnisse der polnischen Juden in Abrede stellen dürfen, Der wirtschaftliche Verkehr mit den polnischen Bauern hat zweifellos ein gewisses Maß von Verständigungsmöglichkeit zur Voraussetzung gehabt, so daß man namentlich für die weniger gehäufte Judonschaft in allen kleinen Orten, insbesondere für die sogenannten Dorf- und Hofjuden anzunehmen hat, daß sie, wenn auch gebrochen, doch polnisch zu sprechen vermochten, daß aber die Verständigung mit der polnischen Landbevölkerung auch dadurch erleichtert war, daß gar nicht selten auch diese das jüdische Idiom einigermaßen verstanden haben und verstehen. Gewiß ist, was diese Sprachkenntnis anlangt, eine Unterscheidung zwischen der älteren und der jüngeren Generation notwendig, insofern, als bei der letzgenannten das erheblich gestärkte Nationsbewußtsein und zwar sowohl auf der Polenwie auf der Judenseite den Widerstand gegen die Erlernung der anderen Sprache bereits gezeitigt hat und fühlbar werden läßt.