Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 14 (25.4.1918)
- Article
- Die Litwaki
- Date
- 1918-04-25
- Page
- Seite 319 (sequence 1)
- Language
- German
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319 Die Lifwaki Eino Tatsachenbericht ung zur Ostjudenfrage von Prof. Dr. 0 11 o v. Z w i e d i n e c k, Karlsruhe III. (Fortsetzung)») Litwaken, litauisches und polnisches Judentum. Und nun die Gegenwartsfrage: vor allem, wer sind die Litwaken? Es sind keineswegs nur die aus Litauen eingewanderten Juden, wie man nach dem Namen schließen möchte, sondern man begreift darunter in Polen ganz allgemein auch die seit dem Einsetzen der Reaktionsära unter Alexander III. aus anderen Teilen Rußlands nach Polen eingewanderter Juden. Schon in den achtziger Jahren ist diese Einwanderung russischer Juden nach Polen vor sich gegangen. Sie war zum großen Teil veranlaßt durch die Neuregelung der Bestimmungen über den Aufenthalt der Juden in Rußland durch den Ukas vom 3. Mai a. St. 1882. Aber ganz besonders war es die Ausweisung der Juden aus Moskau durch den A.-H.-Befehl vom 28. März a. St 1891, die einen beträchtlichen Wanderstrom nach Polen gezeitigt hat. Daß aber diese Rayonierungsgesetzgebung oder, genau genommen, die infolge jener Ukase wieder strenger gehandhabte Durchführung derselben nicht die einzige Ursache dieser Wanderbewegung war, geht schon daraus hervor, daß sich die Wanderbewegung auch aus anderen Teilen des den Juden zugewiesenen Ansiedlungsgebietes (Czerta osjedlosti) vollzogen hat, und daß unter den sogenannten Litwaken, die ja natürlich auch aus der Czerta stammen, besonders stark auch Juden aus Wolhynien, Podolien, Süd-Rußland usw. zu finden sind. Auffallend ist unter allen Umständen dieser einheitliche Sammelname „Litwaken" für alle Zugewanderten, ohne Unterschied der Herkunft. Zugegeben, daß die aus Litauen nach Kongreßpolen gekommenen Juden im Rahmen dieser gesamten Zuwanderung der Menge nach etwas stärker hervorgetreten sein mögen — wirklich verläßliehe Angaben darüber gibt es nicht —, so könnte man geneigt sein, einen Anhaltspunkt für diese Namengebung eben in diesem Mengenverhältnis zu suchen. Dies wäre aber nur eine sehr oberflächliche Erklärung. Und wenn auch Äußerlichkeiten für diese Namengebung einigermaßen bestimmend waren, so sind es doch wichtigere und tiefer liegende Zusammenhänge, die hier mitgespielt haben und deren Kenntnis für das Verständnis des ganzen Litwakenproblems eine durchaus nicht unwichtige Voraussetzung ist Es kann nicht überraschen, daß die polnischen Juden alle dk~o Glaubensgenossen verschiedener Herkunft von allem Anfang an sozusagen in einen Topf geworfen haben, denn die polnischen Juc'.oa mußten gegenüber allen diesen Zugewanderten zunächst eine glefo-'-d Gegensätzlichkeit in den äußeren Lebensformen empfinden. Daß rean aber der Gesamtheit dieser Zugewanderten gerade den Namen „Titwaken14 gab, hängt damit zusammen, daß die eigentlichen Litwd;?, *) Siehe Nr. 13 vom 10. April 1918 dieser Zeitschrift.