Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Eine Ehrenschuld
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 „Abwehr" ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung, aber in dem Augenblick, da das Flüchtlingsschutzgesetz aus mißhandelten, rechtlosen Sklaven Staatsbürger macht, soll einmal auf Grund des vorliegenden Tatsachenmaterials eine Reihe von Vorwürfen gegen den jüdischen Flüchtling hergenommen werden. „Sie wollen nicht arbeite n.u Dieser auch im Parlament erhobene Vorwurf wäre besser unterblieben. Die Berichte ergaben nämlich, daß die östlichen jüdischen Arbeiter, Handwerker und Gewerbetreibenden vom Handelsministerium und vom Wiener Magistrat* von den Bezirkshauptmannschaften und den Gemeindeämtern daran gell i n d e r t wurden, ihrem Erwerbe nachzugehen. In der Bukowina sind in vielen Gewerbea CO bis 70 Prozent jüdischer Arbeiter tätig, ja manche Branchen, z. B. das Spenglergewerbe, sind durchaus jüdisch- D&s k. u. k. Arsenal hat sich aber trotz wiederholter Intervention geweigert, diese evakuierten jüdischen Arbeiter aufzunehmen, mit der Motivierung, sie hätten keine genügenden Papiere. Christliche evakuierte Arbeiter wurden aber ohne Dokumente aufgenommen. Der rumänische Sozialist Grigorovici, der dies vorbrachte, fügte hinzu: „Ich stelle das hier als Nichtjude fest, weil es nicht angeht«, solche allgemeine Verleumdungen einer ganzen Nation gegenüber, die man von ihrer heimatlichen Tätigkeit her nicht kennt, in einem Hause vorzubringen, welches aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt ist." „S i c s i n d h ö c h s t u n r e i n. Verschleppen mit ihren unausrottbaren Läusen Seuchen nach dem Westen.44 Nun ist Galizien kein Seifeneldorado. Aber nach den Feststellungen der Reichsratsprotokolle hätte selbst ein Fanatiker der Reinlichkeit nicht unverlaust bleiben können! Nach wochenlangem Transport ohne Waschgelegenheit hat man sie in den Konzentrationsorten entkleidet, gebadet, rasiert — und ihnen die verlausten Kleider wieder angelegt, weil es gerade dort, wo sie am nötigsten waren, keineDesinfcktoren gab. „Drei Jahre semachten die Flüchtlinge hinter den Zäunen. Ein Jahr davon in Räumen, in denen im Winter das Wasser von den Holzwänden floß, in denen sie vor Frost keinen Schlaf finden konnten. Sie hatten keine Kleider, sie liefen mit nackten Füßen im Schnee und Kot, es gab keine Möglichkeit für sie, sich zu waschen, und Menschen, die eigene Häuser und Bequemlichkeiten besessen hatten, mußten in vierfach übereinander geschichteten Holzstellagen leben, konnten nicht einmal menschenwürdig ihre Notdurft verrichten. In den Holzschachteln, in denen sie lebten, lagen Kranke und Gesunde untereinander. In den Ausdünstungen der vielen hundert schlechtgewaschenen, unterernährten Leute, die ihre rauchgeschwängerten Kleider am Leibe tragen mußten, lagen Scharlach-' und diphtheriekranke Kinder, gebaren Frauen." . . (Abg. Reizes in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 12. Juli 1917.) „Warum sind sie nicht in Galizien geblieben, um wie die Tiroler ihre Scholle zu verteidigen?" Die Phrase klingt gut, ist aber unsinnig. Es bestand ja sonst immer