Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Eine Ehrenschuld
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908726-2910805--1611-2910836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
309 Eine Ehrenschuld (Zur Verabschiedung des Flüchtlingsschutzgesetzes in Österreich) Von Dr. Otto. Abel es, Wien |^fif m 11. Januar 1918 — also fast dreieinhalb Jahre nach den ersten W0i Evakuierungen — ist in Österreich das Flüchtlingsschutzgesctz SM*K in Kraft getreten. Ich nahm die stenographischen Protokolle des Parlaments her, um die Genesis des Gesetzes zu studieren. Beim Lesen verlor ich die Ruhe. Weiß der Himmel: Ich hatte dienstlich mit der Flüchtlingsfrage zu tun, es hat mich als bewußten Juden mächtig zu den Vertriebenen hingezogen, ich näherte mich ihnen, soweit es die Scham zuließ, den Jammer zu sehen und nicht helfen zu können. Und nun erst erkenne ich bei der Lektüre dieser Protokolle, daß wir alle zusammen keine Ahnung hatten von der Größe des Verbrechen,«, das da mitten unter uns Glücklicheren an Hunderttausenden begangen, wurde. In meinen Hochschuljahren kam mir einmal anläßlich blutiger Pogrome eine Nummer der russisch-jüdischen Zeitschrift „Das Leben4' in die Hände. Sie trug eine mir unvergeßliche Titelzeichnimg". In einem Netz von Dornengewinden hingen kopfabwärts nackte Menschenleiber, die sich um so grausamer in das folternde Geranke verstrickten, je krampfhafter sie sich zu befreien suchten. Ringsum lagerten züngelnde Schlangen, deren Köpfe die Gesichtszüge von Führern der „Schwarzen Hundert'' trugen, und weideten sich an den Qualen ihrer ohnmächtigen Opfer. An dieses Bild erinnert die Passion der Flüchtlinge. Am Transport im offenen Viehwagen, in den „Umladestellenu, in der Perlustrierangsstation, innerhalb der Stachelzäune des Flüchtlingslagers, in den Gassen der Großstadt pnüssen sie das Martyrium des Hungers, des Schmutzes, der Verachtung, der Verlassenheit ertragen, umlauert von Haß, Unverstand, gequält von den bösen Instinkten armer, von der Kriegsnot gepeinigter, von Vorurteilen und Unbildung zu brutalstem Zorne aufgewiegelter Menschen. Der Berichterstatter des Flüchtlingsausschusses, Abg. Dr. Krek, der seinerzeit die Debatten im Abgcordnetenhause über das neu zu schaffende Gesetz einleitete, sprach davon, daß die Verabschiedungeines Schutzgesetzes für Kriegsflüchtlinge die teilweise Abstattung einer Ehrenschuld an jene passiven Helden sei, „deren weder die Thronrede, noch das Expos6 des Ministerpräsidenten Erwähnung getan habe14, und er, dem doch die umfassenden Berichte über die gesamte Flüchtlingsangelegenheit vorlagen — bis auf zwei Nationen wurden a!h Völker Österreichs vom Flüchtlingslos ereilt — nahm Anlaß, g-nz besonders die spezifische Not der jüdischen Flüchtlinge zu kennzeichnen, die sich „aus den Baracken nach üirem ostgalizischen Ghetto sehnen müssen, wie nach einem Paradies4'.