Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Judenfrage als nationales Problem
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
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305 rechtliche Basis. Freie Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmefähigkeit des Landes und der örtlichen Selbstverwaltung entsprechend, schaffen diese feste öffentlich-rechtliche Basis noch nicht Das Versprechen des Großwesirs, Talaat Pascha, 'muß daher als unzureichend bezeichnet werden. Es ist der Judenheit wenig geholfen, wenn die Zentralmächto nicht weiter gehen wollen, als der türkische Großwesir, der schließlich doch alles beim alten lassen will. Man kann es gewissermaßen als eine Pflicht der deutschen Regierung bezeichnen, den Politikern am Goldenen Horn begreiflich zu machen, daß dieser gewaltige Krieg, der das ganze Staatensystom Europas in den Schmelztiegel der Geschichte geworfen hat, im Osmotischen Reich nicht alles beim alten lassen kann. Man sollte in Konstantinopel nicht übersehen, daß keine Maßregel so sehr das Ansehen des jungtürkischen Regimes in der Wjelt heben könnte, als die Schaffung eines autonomen jüdischen Palästinas. Die ideologischen Momente, £ie zur Aufstellung dieser Forderung geführt haben, sind nicht bloß bei den Juden, wirksam. Wenn die Eroberung Jerusalems in Amerika und Rußland laute Begeisterung auslöste, so nicht etwa deshalb, weil England damit seinem imperialistischen Ziel Kap-Kairo-Kalkutta scheinbar ein gutes Stück näher gekommen ist, sondern aus dem Grunde, weil die größten Völker der alten und neuen Welt hierin einen'Vorgang s;.-be?, der das gute Recht der Juden auf Palästina sicherzustellen geeignet ist. Es ist das Weltgcwissen, das hinter dem Anspruch der Juden auf geschlossene Besiedelung Palästinas steht. Nichts Unklügeres könnte die Türkei daher begehen, als die Schaffung eines autonomen jüdischen Palästinas im Rahmen des Osmanischen Reiches abzulehnen. Em solcher Schritt könnte der Türkei nicht Schaden, sondern sowohl wirtschaftlich als auch politisch nur Nutzen bringen. Sie würde damit ein produktives Element erhalten, das wie kein anderes geeignet ist, die ganze türkische Wirtschaft mittelbar auf eine höhere Stufe zu bringen* und dem Reiche ein neues Glied gewinnen, das einen festen Bestand desselben bilden könnte, weil es durchaus im Interesse der Juden als Nation läge, daß die türkische Oberhoheit über Palästina aufrecherhalte:n bliebe. Die Jud-enheit ist sich sehr wohl der Gefahren bewußt, die sich für ihr nationales Zentrum aus der weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Verknüpfung mit dem großen britischen Imperium ergeben könnten. Die Besorgnis vieler Türken, daß ein autonomes jüdisches Palästina sich leicht von der Türkei losreißen könnte, ist daher völlig unbegründet. Obwohl die Juden, was kein Einsichtiger ihnen wird vordenken können, Palästina auch aus den Händen der Entente nehmen werden, wäre es ihnen doch grundsätzlich lieber, wenn ihnen das^Land von der Türkei zur nationalen Besiedelung freigegeben würde, weil, v/h immer wieder betont werden muß, der Zionismus nichts weniger denn mit feindlichen Gefühlen gegen die Türkei erfüllt ist. Ein autonomisches jüdisches Palästina im asiatischen Reich der Türkei könnte auch zu einem wertvollen Bindeglied zwischen Konstantinopel, Berlin, Wien und Petersburg werden. Von allen Völkern nichtgermanischer Herkunft sind es die Juden, die den innigsten. An-