Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Judenfrage als nationales Problem
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 306 (sequence 8)
- Language
- German
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306 scbluß an das deutsche Geistesleben fanden und sie haben daran selbst tinter Umständen festgehalten, wo sie Schaden daraus zogen. Die jüdische Kolonisation Palästinas würde somit in der Türkei ein Element schaffen, das eine wesentliche Stärkung der guten Beziehungen zwischen den Mächten Zentraleuropas und der Türkei herbeiführen könnte. Erwägt man, daßdie Außenpolitik in der Zukunft viel mehr von den Völkern als. von den Regierungen bestimmt werden wird, so wird man dies Moment nicht gering anschlagen können. Obwohl das neue Rußland und die Zentralmächte frei von dem Verdacht sind, imperialistische Ziele in der Türkei zu verfolgen, liegt die jüdische Kolonisation Palästinas auch insoweit in deren Interesse, als sie ein ihrem wirtschaftlichen Fortschritt zugeneigtes Element in der Türkei schafft, auf das sie sich bei ihren kommerziellen Beziehungen zum Osmanischen Reich stützen könnten. Wie viel hiervon abhängt, kann man von denen erfahren, die in der Türkei praktisch tätig waren. Von dieser Seite ist denn auch in der „Deutschen .Kolonialzeitungu zum Ausdruck gebracht worden, daß gerade die Juden ein wirtschaftlich wertvolles Bevölkerungselement in der Türkei sind. Aus diesen Gründen haben einsichtige Politiker in Deutschland auch längst verlangt, daß Deutschland seinen Einfluß in Konstantinopel im zionistischen Sinne geltend maehen sollte, wie jüngst z. B. der konservative „Reiehsbote", der betonte, daß die Juden in der Tat dasjenige Volk sind, das zur Neukolonisation Palästinas geradezu berufen ist. Wie zur Judenfragc des Ostens, die mit der Emanzipation nur im rechtlichen, nicht aber im sozialen Sinne gelöst ist, kann man also auch zur Frage der Neukolonisation Palästinas nur einen richtigen Standpunkt gewinnen, wenn man sie als ein nationales Problem auffaßt. Da nun die Zukunft des Ostjudentums und Palästinas in den jüdischen Problemen der Gegenwart die ersten Stellen einnehmen, so sollten sich auch die Assimilanten unter den Juden nicht mehr darüber wundern, daß auch der nichtjüdischen Öffentlichkeit die Judenfrage der Gegenwart vorzugsweise als ein nationales Problem erscheint. Wenn auch nach diesem Kriege, wie man hoffen darf, ein großes Besinnen über die Völker kommen wird, wenn Europa vielleicht auch zu der Einsicht gelangt, daß es dem Götzen Nationalismus zu viel geopfert hat-, wenn auch die hohe und heilige Idee eines von nationalen Leidenschaften freien Weltbürgertums, das im Assimilantismus und Sozialismus lebt, aus den grauenhaften Erlebnissen des Krieges neue Nahrung ziehen wird, so besteht andererseits doch kein Zweifel daran, daß die Idee der Nation selbst deshalb nicht luitergchen kann. Auch dieser furchtbare Völkersturm hat die Wahrheit des Jauresschen Satzes, daß die Nation das Schatzhaus des menschlichen Geistes und Fortschritts ist, nicht erschüttern können, und es stünde gerade den Juden, an denen die Macht des Nationalen sich seit 2000 Jahren so wundersam offenbart hat, schlecht an, wenn sie dieses kostbare Gefäß menschlicher Kultur zertrümmern oder auch nur mißachten wollten.