Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Judenfrage als nationales Problem
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 302 (sequence 4)
- Language
- German
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302 treten ist. Ein Judentum, das oft die Hälfte und mehr der ganzen Bevölkerung der Städte ausmacht, kann seine nationale Eigenart gar nicht aufgeben, selbst wenn os das wollte. Aber auch der Wille dazu wird sich im Ostjudentum schwerlich einstellen, weil die östlichen Juden sich eben als - Angehörige eines alten ruhmreichen Kulturvolkes fühlen, und es als ihre Mission ansehen, die nationalkulturellen Errungenschaften ihrer Ahnen zu erhalten und fortzuentwickeln. Man kann daher sehr wohl der Meinung sein, daß die Assimilationsidee £ür Westeuropa als das historisch Gewordene, auch das allein Richtige sei, und demnach für den Osten mit seinen ganz anders gearteten Lebensverhältnissen der Nationalitätsidee den Vorzug geben. Insbesondere ist es für den Nichtjuden fast unmöglich, in der Ostjudenfrage etwas anderes als ein durch ein einseitiges, städtisches Kolonisations- und Siedelungverhältnis sozial äußerst kompliziertes Nationaiitätsproblem zu sehen. Andererseits läßt sich der Schutz des Ostjudentums gegen wirtschaftliche Vergewaltigung, die — wie der polnische Antisemitismus gezeigt hat — auch bei gleichen staatsbürgerlichen Rechten sieh kräftig zu entwickeln vermag, nur wirksam gestalten, wenn man ihn als den Schutz einer nationalen Minderheit auffaßt und ihn von dieser Basis aus organisiert. Nur die Nationalitätsidee kann, wie mir scheint, dem Ostjudentum sein volles Reeht geben. Die Assimilation, so segensreich sie für den Westen auch in mancher Hinsicht gewesen sein mag, kann nicht zu einem Zustand im Osten führen, den man als eine leidliche Lösung der Judenfrage anerkennen könnte. Denn der Schutz des Ostjudentums, seine Erhebung aus der tiefen Nacht des Elends, wird in den östlichen Zwerg- und Kleinstaaten, die der Friedensvertrag menschlicher Voraussicht nach entstehen lassen wird, nur lebendige Wirklichkeit werden, wenn er sich auf zwischenstaatlicher Basis als nationaler Minderheitsschutz unter internationaler Garantie vollzieht. So gesehen, erhält aber die Judenfrage ein ganz anderes Aussehen. SL hört damit auf, lediglich eine Frage der Humamamtiit und Zivilisation zu sein, deren Geboten sich die einzelnen Staaten schließlich doch immer mehr oder weniger entziehen können, sie hört auch auf, lediglich eine Frage der inneren Politik zu sein, die von der jeweiligen Mehrheit der Volksvertretung so oder anders behandelt weiden kann, und wird zu einer Frage der ä u ß er e n Politik, des internationalen Rechts, über dessen Beachtung die Staaten der ganzen Welt 7M waehon haben. Erst dadurch werden die Regierungen, die bisher antisemitischen Strömungen gegenüber sich immer so bejammernswert schwach fühlten, die nötige Rückenstärkung erhalten, um die den Juden zustehenden" Rechte staatsbürgerlicher und nationaler Natur auch vor den Angriffen gewissenloser Mehrheiten schützen zu können. II. Neben der östlichen Judenemanzipation. ist es namentlich die Anerkennung <Ies Rechtsanspruchs der Juden auf eine Heimstätte in dem Land ihrer Väter, die uns die Judenfrage heute unter neuen Aspekten erscheinen läßt. Offen, und rechtsverbindlich ist dieser Anspruch der