Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Judenfrage als nationales Problem
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 301 (sequence 3)
- Language
- German
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50t Überhaupt wird man sagen müssen, daß die Abtrennung Polens, Litauens und Kurlands vom russischen Reich die Judenfrage des Ostens noch viel komplizierter macht, als sie es ohnedies ist. Gerade die kleinen Völker, die eine eigene städtische Kultur noch nicht oder erst teilweise entwickelt haben, stehen naturgemäß dem Judentum als einer einseitig städtischen Nation besonders feindlich gegenüber, weil sie sich durch es in ihrem kulturellen Aufstieg behindert fühlen. Gute Kenner des Ostens sind auch der Meinung, daß von allen Ostvölkern die Russen der Judenheit am meisten Gerechtigkeit und Achtung entgegenbringen. Das könnte nun freilich angesichts der Bedrückungen, die das Judentum gerade in Rußland erleiden mußte, reichlich paradox erscheinen. Allein, es geht nicht an, die Scheußlichkeiten des zarischen Regimes dem russischen Volk zuzuschreiben. Nicht mit Unrecht ist gesagt worden, daß die russische Autokratie sich nur deshalb solange halten konnte, weil man alles immer wieder auf dio Juden abzulenken vermochte. Gerade von Juden, die alle Schrecken der Pogrome miterlebt haben, ist mir gegenüber die Ansicht vertreten worden, daß dem von Natur gütigen russischen Bauern und Arbeiter im Grunde nichts ferner liegt als Haß. Die herrschenden Gewalten des alten Rußland« sahen sich daher auch genötigt, durch Alkohol und religiöse Wahnvorstellungen das russische Volk zu Pogromen gewissermaßen erst systematisch abzurichten. Alles das gehört jetzt der Vergangenheit [in. Von dem schleichenden Geist des Antisemitismus in seiner rohesten und unmenschlichsten Form befreit, kann sich nunmehr eine Gesundung des russischen Staatskörpers vollziehen. Allerdings wird, da durch den Brester Frieden Polen, Litauen und Kurland von Rußland losgelöst worden ist, dieser Gesundungsprozeß des russischen Staates nur einem Teil der Ostjuden zugute kommen. Daß deren Schicksal in einem Polen, daß von Rußland losgelöst ist, sich härter und schwerer gestalten wird, als in einem polnischen Staatswesen, das ein Glied der großen russischen Bundesrepublik geblieben wäre, kann für jeden, der über die Brutalität der polnischen antisemitischen und antideutschen Strömungen hinreichend unterrichtet ist, nicht zweifelhaft sein. Aber nicht nur in Polen, auch in Kurland und Litauen würde das Ostjudentum bei dor Wahrung seiner nationale?} Rechte einen leichteren Stand gehabt haben, wenn diese Gebiete sich dem freien Rußland angeschlossen hätten. Überhaupt kann man sagen, daß die Gründung neuer, ganz oder halb unabhängiger Zwerg- und Kleinstaaten im Osten die staatliche Zerrissenheit des Ostjudentums noch vergrößern muß, was ihm sowohl in nationaler als auch in sozialer Hinsicht nur zum Nachteil gereichen kann. Es scheint eine falsche Übertragung westeuropäischer Erfahrungen auf osteuropäische Lebensverhältnisse, wenn vielfach angenommen wird, daß in einem selbständigen Polen, Kurland und Litauen sich der Assimilationsprozeß in derselben Weise vollziehen könne, wie er in den westeuropäischen Staaten vor sieh gegangen ist. Man übersieht dabei einmal, daß, wie schon bemerkt, daß Judentum in fast allen städtischen Wohnplätzen des Ostens zu einer Assimilation im westeuropäischen Stil zahlenmäßig viel zu stark ver-