Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Judenfrage als nationales Problem
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 300 (sequence 2)
- Language
- German
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300 sondere Geistigkeit gepflegt und aus seiner von den Westjuden so verachteten hebräisch-deutschen Mundart eine Literatursprache gemacht hat, die so reich an eigenen Stimmungen, Tönen und Untertönen ist, daß es heute nach dem Urteil der besten Sachkenner vielleicht keine zweite Sprache gibt, die von gleich großer Ausgeprägtheit, national-geistiger Eigenart ist. Ganz anders wie im Westen, wo der Jude zuerst Glaubensfreiheit, dann. gleiches Staatsbürgerrecht vorlangte, immer aber dem Staat nur als Angehöriger einer besonderen Glaubensgemeinschaft gegenübertrat, fühlton die Juden des Ostens sich mehr oder weniger bewußt immer als besondere Nation. Kein Wunder daher, daß die Judenemanzipation des Ostens im Zeichen des aufstrebenden nationalen Bewußtseins stand, Nicht ohne großes Erstaunen vernahm Westeuropa die Kunde, daß ein Judentum des Ostens, eine eigentliche Assimilationspartei, überhaupt nicht zu finden sei. In dem Bewußtsein, einer Nation anzugehören, die zu den 10-Millionenvölkern zählt, deren Sprache von mehr Menschen gesprochen wird, als Schwedisch, Rumänisch oder Holländisch, die an Zahl den Polen, Tschechen, Magyaren gleichkommt oder sie noch übertrifft, kämpften die Juden des Ostens nicht nur für bürgerliche und menschliche, sondern auch für nationale Gleichberechtigung, d. h. für das Selbstbestimmmungsrecht ihres Volkstums in allen nationalkulturellen Dingen, so daß ihnen als Siegespreis ihres Kampfes nicht nur der gleichberechtigte Staatsbürger jüdischen Glaubens, sondern auch eine freie jüdische Nation im freien Rußland erschien. Der' objektive Beobachter östlicher Lebenserscheinungen muß deshalb zu der Erkenntnis gelangen, daß das Judentum des Ostens, selbst wenn «es dies wollte, gar nicht in der Lage wäre, in den Völkern, mit denen es gemeinsam ein bestimmtes Territorium bewohnt, aufgehen zu können, weil die sprachlichen, religiösen und kulturellen Verschiedenheiten, seine ganzen geistigen und nationalen Eigenarten dazu viel zu groß sind. Das Ostjudentum wird, wie immer sich auch die politischen Verhältnisse in seinen Siedlungsgebieten gestalten mögen, seinen Traditionen auch in der Freiheit treu bleiben und sein eigenes nationales Leben führen müssen. Allordings, über das weite Gebiet zwischen Odessa und Riga zerstreut* zumeist nur in städtischen Wohnplätzen siedelnd, bilden die Östjuden, auch gegenüber don kleinen und kleinsten Völkern, auf allen Territorien immer nur eine nationale Minorität. Der Gedanke, durch internationalen Vertrag die Rechte der -nationalen Minderheiten zu schützen, gewinnt damit für das ostjüdischo Volk entscheidende Bedeutung. Wio die anderen nationalen Minderheitendes Ostens wird auch das Ostjudentum nach Schutz seiner Nationalität auf Grund drs Personalitätsprinzips des nationalen Katasters streben müssen. Dieser nationale Minoritätenschutz wird namentlich angesichts des infernalischen Charakters des starken polnischen Antisemitismus", der es darauf abgesehen hat, die Juden durch Entziehung aller Erwerbsmöglichkeiten zunächst in tiefes Elend zu stürzen und schließlich aus dem Lande zu treiben, durch ein Klagerecht vor einem internationalen Gerichtshof zu ergänzen sein, dessen Urteile unparteiisch und wirksam zu vollziehen, eine heilige Pflicht der dazu bestimmten Mächte werden muß.