Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Liwaki
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 298 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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298 der Juden hinaus, und diese fand gerade Iii gebildeten jüdischen Kreisen nicht wenig Anklang. Die Polsn können natürlich mit Recht auf die- Begeisterung des Chassidim-Führers Israel Kozienicer für das Polenttun und sein Wesen hinweisen, und doch, seltsam genug, gerade von jenör. Zeit ab muß selbst unter Wahrung des Relativitätsprinzips mehr als früher ein Rückschritt, mindestens ein Zurückbleiben der Juden» Stellung in Polen behauptet werden. Und das auch dann, wenn man von dem nachteiligen Einfluß der russischen Regierungsgrundsätze tinter zaristischen Herrschaftgelüsten eines Nikolaus L absieht. Es muß historisch jedenfalls für das 19. Jahrhundert die zwingende Kraft des Schlusses in Abrede gestellt werden, als wären <3ie Beziehungen '/.wischen Polen und Juden bis zum Auftreten der Litwakea immer so freundlich gewesen, daß nur mit deren Wirksamkeit die feindselige- Strömung im polnischen Judentum gegen die Polen erklärt werden könnte. Es ist zudem auffallend genug, daß dieser Gedankengang sich völlig darüber hinwegsetzt, daß das litauische Judentum sich doch auch durch Jahrhunderte unter polnischer Herrschaft entwickelt hat und daß demnach erst seit der staatlichen Abtrennung dieses litauischen Judentums vom polnischen sein Einfluß zuungunsten Polens zutage getreten wäre. Man könnte das ja nun allerdings auf den starken Einfluß des Russentums auf die litauischen Juden zurückführen. Das ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, nur müßte man dann folgerichtig doch wohl annehmen, daß das polnische Judentum, solange es die litauische Einwanderung nicht aufgenommen hatte, in vollstem Flieden mit den Polen gelebt hat. Auch da stimmen aber die Tatsachen nicht ganz. Wohl wird aus dem Lager der Assimilatoren immer wieder die Verbrüderung von Polen und Juden ins Treffen geführt, die während der Freiheitsbewegung 1860—63 (vornehmlich im ersten Abschnitt) eingetreten war. Allein kurz vor dieser Phase steht die Tatsache des wenig bekannten, aber gar nicht so unbedeutenden Warschauer Pogroms 1858. Es ist. damals zu einem öffentlichen Prozeß gekommen, der mit einem für die Juden so auffallend ungünstigen und unbilligen Urteil abschloß, daß der große Historiker Joachim Lelewel am Rande des Grabes gegen das Urteil feierlichen öffentlichen Protest einlegte. Auch die Freiheitsbewegung Ist duchaus nicht einheitlich verlaufen. Die Verbrüderungsbegeisterung hat sehr bald eine erhebliche Abkühlung erfahren, und die schweren Zweifel, die auch während der Freiheitsbewegung unter den Juden auftauchten, ob mit dem Sieg der Polen ihre Rechtsstellung eine Verbesserung erfahren würde, hatten, es bewirkt, daß bei dem blutigen Zusammenstoß im Frühjahr 1863 die Teilnahme der Juden schon recht gering war. Zu den historischen Tatsachen, die zu der Litwaken-Formel schlecht stimmen, gehört auch noch der Warschauer Pogrom von 1881. Nun wird man immerhin sagen müssen, daß gerade diese Pogroms ausgesprochen singuläro Großstadterscheinungen sind und daß sie gegenüber den friedlichen Verhältnissen, unter denen die jüdische Bevölke-