Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-04-10 · Heft 13 (10.4.1918) · p. Seite 297

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 13 (10.4.1918)
Article
Die Liwaki
Date
1918-04-10
Page
Seite 297 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908726-2910802--1595-2910824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

297 berrschaft in Groß-, Kleinpolen und Mazowien, anfangs des 18. Jahrhunderts in der Haidamakenbewegung und dergleichen dürfen gewiß nicht auf das Konto der Polen geschrieben werden, die selbst darunter gelittenhaben; hier waren die Juden nur das Opfer einer wilden Soldateska. Und das waren die Ereignisse, unter deren Einfluß bekanntlich eine erhebliche Rückwanderung von Ostjuden nach dem Westen stattgefunden hat. Rückt man nun aber weiter in der Geschichte herauf, dann ist es natürlich nicht so ganz leicht zu entscheiden, ob die Behauptung von dem freundlichen Verhältnis zwischen Polen und Juden so ganz zutreffend ist, denn es ist doch vor allem schon fraglich, in welchem Sinne man die A s s im i Ii eru n gsbestrebungen einzuschätzen hat. Ist die Polonisierung der Judenbevölkerung eine judenfreundliche Maßnahme, wie sie die Polen und vor allem die jüdischen Assimilatoren ansehen, oder ist sie das Gegenteil? Hier handelt es sich eben um ein so ausgesprochenes Werturteil, daß man von einer objektiven Richtigkeit jener These wohl überhaupt nicht wird reden können. Relativität ist auch hier bei dem Urteil nicht auszuschalten, das dann am sichersten so laute:), wird: gegenüber der Ausrottungspolitik ist die Assimilation das fortschrittliche Prinzip, aber vom Standpunkt des Nationalisten, der das jüdische Volkstum erhalten wissen will, kann es nicht anders als höchstens als kleineres Übel, unter allen Umständen aber als unbedingt zu bekämpfendes Übel bezeichnet werden. Auch sonst ist es nicht unbedenklich, auf einzelne historische Erscheinungen und Vorgänge sich, stützen zu wollen, wie z. B. auf die Judenfreundlichkeit Koschiszko;,. mit der sich die Assimilationsbestrebungen wohl nur schlecht vereinbaren lassen, zumal sie hinsichtlich des Antisemitismus durchaus nicht zweifelsfrei sind. Mit der Festhaltung der Judenpolitik Kosciuszkos könnten die Juden in Polen wohl zufrieden sein, aber die leidenschaftlichsten Kosciuszkoverehrer sind, wie man unschwer feststellen kann, erbitterte Antisemiten. Auf das Verhalten der führenden Persönlichkeit kommt es bei der Stellungnahme der Polen gegenüber den Juden wohl überhaupt nicht an. Insbesondere auch nicht auf das der Könige, sondern es geht und ging um das Verhalten der Bevölkerung und vornehmlich, wenigstens in früherer Zeit, das der Schlachta. In dieser Richtung kann man nach den Nachrichten über die Reichstagsvorgänge doch wohl zweifelhaft sein, ob eine den Juden wohlwollende Stimmung als den Polen eigentümlich auch für die ganze Zeit nach 1764 schlechthin behauptet werden darf. Die große Spaltung im Ostjudentum, die im 18. Jahrhundert im Auftreten des Gegensatzes zwischen Rabbinismus und Chassidismus nicht nur in religiösen Dingen zutage getreten ist, hat das ihrige dazu beigetragen, diese Unsicherheit des für oder wider die Juden unter den Polen zu erhöhen. Die wohlwollende Absicht, die in der Behandlung der Judenfrage auf dem vierjährigen Landtage (1788—1791) zur Geltung kam und vor allem in dem Referat über die Judenfrago des Tadäusz Czacki Ausüruck fand, lief auf eine zwangsweise und sprachlich nationale AssimiHerang

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.