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Neue jüdische Monatshefte · 1918-04-10 · Heft 13 (10.4.1918) · p. Seite 299

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 13 (10.4.1918)
Article
Die Liwaki
Date
1918-04-10
Page
Seite 299 (sequence 6)
Language
German
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299 rung sonst im ganzen Lande lebte, wenn auch nicht völlig bedeutungslos, so doch nicht ausschlaggebend sein können; aber dagegen, daß nur die Litwaken erst Unruhe gebracht haben, ist damit doch ein gewisser Gegenbeweis erbracht. Es trifft da nicht einmal die Formel post hoc ergo propter hoc zu. Denn erst mit der Reaktionsära unter Alexander III:, die einer für die Juden günstigen liberalistischen Ära folgte, erst nach diesen Großstadtkämpfen kam in Polen in der Hauptsache jene Einwanderung zur Geltung, die die Litwaken nach Polen;wei Tatsachen sind es vor allem, die dem nichtjüdischen Beobachter des jüdischen Lebens heute die Judenfrage in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen: die Emanzipation der Juden im Osten und das von nahezu der ganzen Menschheit anerkannte Recht der Juden auf die geschlossene Besiedelung Paliistinas. Obwohl man zurzeit noch nicht sagen kann, welcher der neuen Tatsachen die größere Bedeutung zukommt, so ist es doch unzweifelhaft, daß beide von großer Tragweite sind, und zwar nicht nur für die Juden im allgemeinen, sondern auch für die ganze abendländische Zivilisation, die gegenüber dem jüdischen Volke noch immer mit einer, durch die Emanzipation nur äußerlich beglichenen Schuld behaftet ist. Was zunächst die Emanzipation der Ostjuden betrifft, so vermag man sie in ihrer historischen Bedeutung nicht zu erfassen, wenn man an sie lediglich mit der Vorstellung herantritt, daß in Rußland im Grunde nur ein Zustand beseitigt worden sei, der im übrigen Europa ja schon 50—100 Jahre der Vergangenheit angehört. Wie in vielen anderen Dingen, so ist auch in bezug auf das jüdische Problem der Cstcr immer eine Welt für sich gewesen. In Westeuropa handelte es sich bei •der Judenemanzipation lediglich um die Frage, ob die relativ wenig zahlreichen, zerstreut wohnenden Juden, die schon längst germanisiert, beziehungsweise romanisiert waren, rechtlich der übrigen Bevölkerung gleichgestellt werden sollten. Im Osten war dagegen die Judeni'rage immer nicht nur ein soziales, sondern auch ein nationales Problem.!>aß die Ostjudenfrage als ein Nationalitätsproblcm in Westeuropa nicht erkannt wurde, lag daran, daß die Westeuropäer den Lcbenscrscheinungen des Ostens überhaupt zumeist verständnislos gegenüberstanden. Erst durch den Krieg wurde es den meisten bewußt, daß auf dem weiten Gebiet von Riga bis Odessa, zwischen Polen, Litauern, Rumänen und Hussen in größeren Gruppen lebend, ein 6 bis 7 Millionen zählendes Volk mit eigener Sprache, eigener Kultur und eigener Religion siedelt, nämlich das Ostjudentum, das trotz grausamer Bedrückimg, sein Menschentum aufrechterhalten, das ungeachtet größter Armut seine bebrachte. (Schluß folgt.) Die judenfrage als nationales Problem Von Dr. Ludwig Quessel, Darmstadt Mitglied des Reichstags I.

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