Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 13 (10.4.1918)
- Article
- Die Liwaki
- Date
- 1918-04-10
- Page
- Seite 295 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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295 Der Gedankengang, von dem die Polen in der Verfolgung ihrer Judenpolifcik sich leiten lassen, sozusagen die politische Formel, hängt ganz besonders eng mit dem zusammen, was man kurz dieLitwakenfrage nennen darf. Gerade auch ruhige und besonnene unter den polnischen Politikern sagen: Die Juden haben durch Jahrhunderte hindurch innerhalb des polnischen Volkes gelebt, ohne daß es zu ernsten Zerwürfnissen gekommen wäre. Das Zusammenleben spielte sich in durchaus erträglichen Formen und in einer langen Zeit auch mit überwiegend nützlicher Wirksamkeit für beide Volkselemente, Polen wie Juden, ab. Eine Verschlechterung des Verhältnisses sei erst wahrnehmbar geworden, seitdem das Nationalgefühl im Judentum erwacht sei oder richtiger, seitdem die nationale Bewegung in die Judenschaft hineingetragen worden sei. Das sei erst einige Jahre her, kaum Jahrzehnte und die Träger dieser Bewegung — das ist in der Argumentation der polnischen Politik sehr wesentlich — seien eben nicht polnische Juden, sondern die sogenannten Litwaken. Gegen diese richtet sich daher die Erregung innerhalb des nationalen Polentums, und man ist überzeugt, (oder man tut wenigstens so), daß wenn deren Einfluß auf das eigentlich polnische Judentum gebrochen werden könnte, dann auch das., was als nationale Bewegung in der polnischen Judenschaft auftritt, bald wieder zur Rulle kommen würde. Nur folgerichtig erscheine es daher, wenn die polnische Politik dem Nationalgedanken der polnischen Juden keine Zugeständnisse machte, da doch die besten Aussichten beständen, daß nach dem Kriege vielleicht überhaupt eine erhebliche Abwanderung von Juden nach dem Osten eintreten werde, jedenfalls aber mit dem Abzüge derjenigen jüdischen Elemente in Polen gerechnet werden dürfe, die als Litwaken gelten müssen, nicht nur weil sie als Volksfremde hereingekommen sind, sondern weil sie auch nach ihrer Einwanderungin das Land volksfremd geblieben seien. Weder die politischen Grundlagen noch die politischen Auswirkungen dieses Gedankenganges möchte ich in den Bereich der Betrachtungen ziehen. Nur das Tatsächliche, das sozusagen als Mr lerir7 zur Begründung der politischen Schlußfolgerung geltend gemacht wird, gilt es zu prüfen. IL Zur Kritik der historischen Begründung. Die Tatsachen nun, die behauptet werden, betreffen nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit, Und in der Tat, wie sehr auch historische Rückblicke in gewissen Augenblicken politisch in die Irre führen, mindestens unzweckmäßig sein können, so läßt sich von ihnen bei einer wirklich gründlichen Beurteilung des Litwakenproblcms nicht absehen, denn wie der obigo ■ Gedankengang dartut, ist es nicht gleichgültig, ob es wahr ist, daß vor der Litwakenzuwandcrung — das ist also die Zeit vor den achtziger Jahren des XIX. Jahrhunderts — die Beziehungen zwischen den Polen und Juden so gute gewesen sind. Was zunächst die historischen Momente anlangt, ist zuzugeben: die Lage der Juden in Polen war v e rgle i c h sw ei s e in vielen