Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 12 (25.3.1918)
- Article
- Wege und Irrwege
- Date
- 1918-03-25
- Page
- Seite 280 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908725-2910744--1557-2910779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
am «hitzend Propheten einbezieht, eine Frage zu lösen, die über der Nation als Idee nicht die-Nation als Summe lebendiger Menschen vergißt, das ist nicht möglich, wenn man die ursprünglichen gesellschaftlichen Kräfte vergewaltigt. Man mag die bösen Triebe noch so sehr hassen, aber — wie die Überlieferung »sagt — als man sie einmal einsperrte, war in ganz Palästina am dritten Tag kein frisches Ei zu finden. Glaubt man in Palästina jenes Himmelreich auf Erden begründen zu können, •an dessen Verwirklichung das Christentum in 2000 jährigem Kampf zerbrach? Ich bin gesonnen, es nicht zu glauben! Für unsere Palästinaeinstellung ergibt sich daraus ein fundamentaler Dualismus. Jetzt begreifen wir, warum Achad Haaras „geistiges Zentrum" eine solche revolutionierende Verwirrung anrichten konnte. Jetzt sehen wir: es ist zu einem geistigen Etv/as geworden, das in Gegensatz zu einem ökonomischen Etwas gestellt und als dessen Negierung betrachtet wird. Das geistige Zentrum wird zum ra n t i p o 1 i t i s c h e b Dogma — zu einem Ziel, das'man ohne Politik und ohne die Mittel dieser Welt verwirklichen kann — wenn man z. B. Palästina nur noch als Geistiges, fast schon als Symbol gelten läßt und auf ein konkretes Palästina ganz verzichtet. k * # Eine reale Erschließung des Landes für jüdische Besiedlungszwecke würde mutmaßlich Jaffa, des Landes hauptsächlichsten Import- und Exporthafen, zum Zentralpunkte erheben. In Jaffa wäre, symbolisch, •das Gegengewicht zum geistigen Jerusalem, zu Zion zu suchen*. Zwischen beiden ist zu wählen. Und nun sehen wir hier eine Anschauung, die nur nach Zion will, die Jaffa ignoriert, wenn nicht gar bekämpft. Noch sind wir uns darüber nicht im Idaren. Das Bekenntnis .jedes einzelnen zu Palästina galt für den deutschen Zionismus vor dem Kriege als die letzte Errungenschaft — damit ist es nun nicht mehr getan. Es genügt, nicht mehr zu sagen, daß man Pa 1 ästina wi 11, man muß auch sagen, wie man es will. Und dieser Wille teilt sich in jene beiden Tendenzen, die der Krieg so scharf herausgearbeitet hat: Vergeistigung und Verweltlich u n g stehen sich auch hinsichtlich Palästina als Arbeits ziele und als Arbeitsmethoden gegenüber. Es wäre irrig, zu denken, daß nur der Krieg oder daß nur die 7A\fäilige Konstellation der letzten Friedenszeit die beiden Tendenzen, •denen wir folgten, erzeugt haben. Wir haben in ihnen nichts anderes zu erkennen, als den uralten jüdischen Dualismus zwischen den Sadduzäern und ihren Widersachern. Nicht wie bei anderen Völkern •schlössen ßich im jüdischen Priester und Krieger zusammen: zum Schutze von Thron und Altar. Das Judentum kannte hier kein „Und", ••es kannte nur das kategorische „Oder": Thron oder Altar! Die