Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-03-25 · Heft 12 (25.3.1918) · p. Seite 278

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 12 (25.3.1918)
Article
Wege und Irrwege
Date
1918-03-25
Page
Seite 278 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2908689-2908714-2908725-2910744--1555-2910777
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 2. Die jüdische Politik. Wir spüren diesem Dualismus nach und finden ihn wieder — auf dem Gebiet der jüdischen Politik. Seit einiger Zeit kann man von einer solchen reden, ohne für einen Narren gehalten zu werden. Denn einer Reihe bedeutsamer Vorhandlungen zwischen Mitgliedern der zionistischen Leitung und einzelnen Regierungen ist die Tatsache gefolgt, daß die in Stockhohn verkündeten Friedensbedingungen der einzelnen Völker fast ausnahmslos auch jüdisch-politische Forderungen enthielten: teils solche, die sich auf die Verhältnisse im Galuth, teils aber auch solche, die sich auf das von der jüdischen Politik erstrebte Territorium Palästina bezogen. Endlich haben die Erklärungen der englischen, türkischen und deutschen Regierung und andere Geschehnisse auch den weitesten Kreisen gezeigt, daß es eine ernsthafte jüdische Politik gibt und daß diese auch ernsthaft behandelt wird. Sie ist ein „realer Faktor" in der Weltpolitik geworden. Aber sobald die Möglichkeit der Verwirklichung eines jüdischen Gemeinwesens ernsthaft in den Vordergrund trat, ergab sich unter den jüdischen Politikern eine bunte Unklarheit. Fast schien es, als' hätten manche von ihnen Furcht vor der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche. Betrachten wir die Gründe. Zunächst wäre es durchaus möglich zu sagen: die jüdische Politik erstrebt keinerlei Staatswesen, weil noch der reale jüdische Faktor fehlt, als dessen adäquater Ausdruck ein Staatswesen gedacht werden könnte. Mit ihren nur 100000 Juden in Palästina, mit ihrem geringen Aktivuni an Grund und Boden, an Kapital und an sonstigen Werten im Lande kann die Judenheit noch keinerlei materielle „Ansprüche41 erheben — ganz gleich, wie.das in Polen und Rußland eingeleitete Plebiszit ausfallen mag. Man könnte also sagen, daß alles, was die Juden verlangen, sich auf „Möglichkeiten4' beschränkt: sie erstreben die Möglichkeit, in Palästina ungehindert langsam und allmählich ein materielles Zentrum zu erbauen. Z u n ä c h st nur ein m a t e r i e 11 c s : es kann der Zukunft überlassen werden, welchen f or ma l e n Ausdruck sieh ein solches, wenn es erst einmal besteht, schallen wird. Aus solcher Erwägung heraus könnte man ein offenes oder verkapptes jüdisches Staatswesen als unzeitgemäß, als .vorzeitige Einlösung eines auf ferne Zukunft laufendenl^Vechsels ablehnen, Man könnte es g r u n d s ä t z - ] i c h ablehnen und damit seine Neutralität proklamieren. Was uns hier aber besonders interessiert, ist eine neuerdings in Deutschland aufgetauchte und fast schon heimisch gewordene Abwehr gegen alle gleich wie gearteten politischen Versprechungen, die über den Begriff neutral weit hinausgeht, weil sie grundsätzlich alles Dazugehörige, d. h. alles Politische überhaupt verneint. Diese Anschauung ist am deutlichsten in Bubers „Ein politischer Faktor" zum Ausdruck gelangt. Da heißt es,, „daß die zionistische Sache jenseits der Welt dieses Krieges steht und mit ihr nichts gemein hat'4, und aus*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.