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Neue jüdische Monatshefte · 1918-03-25 · Heft 12 (25.3.1918) · p. Seite 277

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 12 (25.3.1918)
Article
Wege und Irrwege
Date
1918-03-25
Page
Seite 277 (sequence 7)
Language
German
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277 jungen deutschsprechenden Zionisten die Entwicklung „Los von der Wirklichkeit" immens bestärkt, ja in gewissem Sinne zu einer völligen, christlich anmutenden Negierung dieser „verderbten4' Welt geführt hat. Hißt sich kaum noch bezweifeln. Natürlich wäre es verfehlt, diese Entwicklung zu einer einseitigen zu stempeln. Sie fand an der Hineinbeziehung des polnischen Kreises mit seinen.ökonomischen und ganz realen Aufgaben in das Arbeitsgebiet der deutschen Judenhoit ein wirksames Gegengewicht. Es dauerte lange, bis sich dies fühlbar machte» Zunächst erkannten nur einzelne (das „Komitee für den Osten") das neue Arbeitsgebiet als solches an. Die zionistische Landsmannschaft verhielt sich untätig. Erst im Jahre 1916 zeigte es sich, daß innerhalb des Zionismus der „geistige" Kreis nicht mehr allein war. Es traten Zionisten auf, die durch den Krieg in die Realität hineingerissen wurden. Ursprünglichz. T. selbst dem religiös-philosophischen Zionismus angehörend, lösten sie sich unter dem mächtigen Impuls der Woltrevolution von allem Weltfremden und Weltverneinenden, tasteten in neu erwachender Wirklichkeit nach der konkreten Tat und begriffen endlich wieder im Bannerwort „Zurück zur Wirklichkeit1' die brutale Realität, den durchaus diesseitigen und irdischen Charakter der Judenfrage. Diese Gruppe begehrte nach Aktivität — und da sich durch die Grenzverschiebung' im Osten endlich auch das Feld für eine solche geboten hatte, begehrten sie die aktive Arbeit in Polen. Deutlich kam diese erstarkende Tendenz im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" zum Ausdruck und verhalf sich endlich Dezember 191G auf dem Delegiertentag zum Erfolg. Seit dieser Zeit ist die Arbeit aufgenommen worden. Noch ist sie über Anfänge nicht hinausgelangt, vor allem: noch beschränkt sie sich hauptsächlich auf Fragen der Schule und Presse, der Agitation und Organisation, noch geht sie scheu an dem Komplex der ökonomischen Fragen vorüber — immerhin aber .muß dieser enge Kontakt von selbst dazu führen, den deutschen Studierstuben-Zionismus unter den heilsamen Einfluß der jüdischen Realität zu bringen. Und die Beschäftigung mit den Problemen der Aus- und Binnenwanderung, der beruflichen Umschichtung, der wirtschaftlichen Kampf- und Verteidigungsmittel, der Genossenschaften, Handwerker- Schulen usw., zu der es über kurz oder lang kommen muß, bietet jener geistigen Gruppe ein so wirksames Gegengewicht, daß die Gefahr einseitiger Gewaltherrschaft eingeschränkt wird. Fassen wir zusammen: ein Teil der jungen Juden ist durch die Weltrevolution in eine Art Weltnegierung gedrängt worden; der andere Teil aber fand gerade durch ihn den langersehnten Weg zur Wirklichkeit und zum tätigen Leben. Vor dem vorbeisausenden Kriegs wagen der Zeit duckt sich der eine scheu an die Wand und schimpft hinter ihm her; der andere schwingt sich mutig hinauf und greift nach den Zügeln. Klarer, deutlicher, präziser als je stehen sich zwei Richtungen, gegenüber, deren Ineinandergreifen jene zukünftige Synthese bringen ^oll. die wir erhoffen.

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