Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 12 (25.3.1918)
- Article
- Wege und Irrwege
- Date
- 1918-03-25
- Page
- Seite 274 (sequence 4)
- Language
- German
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274 trocknet sein. Sie würde endlich jene Lebensstufe erreicht haben, wo das hohe Alter nicht mehr dxirch höhere Weisheit, sondern durch Verkalkung gezeichnet wird. Wo aber ist dann die gewaltige Einwirkung dieser Weltrevolution auf das Judentum zu finden? Wir sprechen nicht von jenen äußeren Dingen: daß in Amerika, in Rußland, in England das Judentum die Anerkennung seines nationalen Bestehens erlebte, Anerkennung vor eich selbst und vor den Völkern und Regierungen. Die Tatsache ist gewiß von größter Bedeutung, sie ist .vielleicht auch symptomatisch für innere Dinge, aber da uns die genaue Kenntnis fehlt, ist es immerhin auch möglich, daß äußere Vorgänge hierbei einen größeren Einfluß besaßen, als wir wünschen möchten. In diesem Falle wäre nicht das Wachsen der Bewegung symptomatisch, sondern nur, daß sich ihr Männer wie Lord Rothschild anschlössen. Jedoch in Deutschland, wo das junge Judentum in den letzten Jahren vor dem Kriege gerade festen Grund unter den Füßen zu spüren bekam, hat es der Krieg wieder hinausgerissen in die Fluten des Chaos oder hat er es völlig aufs Land geworfen? Wo steht es heute: noch in den Wolken, in denen es sich tastend zurechtzufinden suchte — oder fest mit beiden Füßen in der Realität? a) Die V e r g e i s t i g u n g. Wer die Verhältnisse vor dem Kriege kannte, müßte das erstere befürchten. Der deutsche Zionismus war ein sehr deutscher Zionismus. In einem Lande, wo fast kein ökonomischer Druck bestand wie in Polen, Rußland oder Galizien, mußte der Zionismus den realen Dingen fremd gegenüberstehen. Es gab kein jüdisches Proletariat, dessen dringendste Tagesinteressen gegen eine andersnationalc, feindselige Gruppe wahrgenommen werden mußten! Es gab zwar Antisemitismus im Mittelstand, einen Ausschluß von Juden aus Großbetrieben, aber wenn ich selbst auch schon im Jahre 1911 es für notwendig hielt, die Aufmerksamkeit auf den drohenden wirtschaftlichen Niedergang der deutschen Juden zu lenken, waren doch die Verhältnisse keineswegs schon so fühlbar, daß die Meinung ohne lauten Widerspruch geblieben wäre und die Statistik sprach noch gegen sie. War es nun begreiflich und naturgemäß, daß der östliche Zionismus, erwachsen auf dem Boden titglich erneuten Kampfes um tätliche konkrete Erfordernisse wie Brot und Sehlde, aus diesen seine Kräfte saugte, so war es nicht minder begreiflich und naturgemäß, daß der eines solchen Fundaments entbehrende Zionismus in Deutschland etwas Wolkenheimähnliches bekam. In seinem ersten Stadium fand er, trotz aller gewaltsamer Abgrenzung gegen die Philantropie, jenseits eines kleinen Kreises am Kulturchaos leidender Inteliektualisten nur dort einen Halt, wo er das Mitgefühl erweckte. Damals besaß er einen mitleidsvollen Blick für „die Anderen", hatte es selber „Gott sei Dank nicht nötig41 und griff daher nach einem „Nachtasyl" auch dann, wenn es in Uganda lag. In der Zeit der Not sich mit dem leidenden Volke solidarisch zu er-