Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 12 (25.3.1918)
- Article
- Wege und Irrwege
- Date
- 1918-03-25
- Page
- Seite 273 (sequence 3)
- Language
- German
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endgültigen Überwindung, in' der Läuterung und Hinaufführung des Marxismus zu einem höheren, in der Wirklichkeit fest verankerten Staatssozialismus den Spiegel der Zeit und das Ziel, zu dem er hinstrebt. Lensch aber gibt ein so lebenskräftiges Gemälde des gewaltigen Kampfes zwiselien den deutschen und den englischen' Wirtschaftsformen, daß man mit ihm die Zeit vergißt, in welcher solch imperialistische Gedankengänge hinter dem ideologischen Problem „Proletarier gegen Unternehmer" völlig zurücktraten. Auch ihnen konnte es natürlich nicht gelingen, wenn sie es je erstrebt haben, endgültige Formeln für das Neue zu finden. Aber daß in ihrem Hause nicht ein Stein auf dem anderen blieb, daß der Sturmwind des Krieges es niederriß und daß an seiner Stelle ein völlig neues entstanden ist, so neu, daß die einst entscheidende Frage des preußischen Wahlrechts jetzt schon seine Bedeutung verlor, - das spüren sie, das wissen sie, und das verstehen sie auszusprechen. Wir aber fragen uns, ob auch die Juden gleich den Deutschen der Weltrovolution unterlagen; wir fragen uns, ob auch bei ihnen der Krieg erbarmungslos die Fiktion zersprengte und nur bestehen ließ, was der Realititt entspricht und fest in ihr wurzelt; wir suchen nach dem neuen Geist des erschütterten Judentums — — — Ks ist kein Einwand: daß die Juden in mehrtausendjähriger Geschichte schon allzu häufig Weltkatastrophen erlebten, um von ihnen mehr nls berührt zu werden. Selbst angenommen, daß frühere Revolutionen für ihre Zeit so fühlbar waren wie der Weltkrieg für die heutige: in früherer Zeit waren die Juden stets nur das willenlose Objekt, das gegen scharfe Winde, die von außen wehten, die G-hettotore schloß. Wie Hiob ließ es den Sturm über sich ergehen und was am Leben blieb, erhob sein Haupt zu unverändertem Weiterleben. Denn damals bestand noch keine Gemeinschaft zwischen den Juden und den Völkern; nicht einmal als Soldaten waren sie zahlreich. Heute sind sie so sehr in das Leben ihrer Völker hineingesprengt, daß sie all ihre Erschütterungen als ihre eigenen spüren. Noch mehr: sie haben begonnen, sich als jüdisch es Volk in den Kreis der Völker zu stellen. Sie haben Ansprüche erhoben wie andere Völker, auf nationale Hechte, auf Sprache, Schule, ja, selbst auf Land. Und sie verfechten diese Ansprüche fast schon wie andere Völker: auf Sozialistenkonferenzen und in den Kabinetten der Herrschenden. Das jüdische Volk steht, erstmalig seit undenklicher Zeit, wieder inmitten der Welt. Und wenn es Juden gibt, die zwischen ihrem und dem Geist dieser Welt die Gemeinschaft leugnen, so ist das nur noch ein frommer Wunsch, den die Wirklichkeit hingst überholte. Die Judenheit ist nicht nur den Völkern verhaftet, in deren Mitte sie lebt, sondern auch ihrem Geist. Würde sie darum jetzt noch, wie so lange Zeit, versuchen, hinter verschlossenen Fensterläden boi angstvollem Gebet zu warten, bis der Sturm sich legt, so würde sie im Rahmen des nach dem Kriege neugeformten Europa mumienhaft vor-