Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 12 (25.3.1918)
- Article
- Wege und Irrwege
- Date
- 1918-03-25
- Page
- Seite 272 (sequence 2)
- Language
- German
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272 schreckt auch nicht die allzu oft schroff erscheinende Gegensätzlichkeit: Bismarck'und Kant, Goethe und Siemens, Novalis und Bernhardi Ovaren Träger des Deutschtums — so lernen auch wir Dinge wie Chassidismus und Realpolitik, religiöse Inbrunst und Kolonisationsarbeit mit einem vereinenden Band zu umschließen. Wir wollen keine Barrieren bauen; gegen keine treibende Kraft im Judentum schließen wir uns ab. Auch wollen wir nicht in selbstgefälligem Drang nach Neuheit oder Besonderheit ein eigones, positives und abgeschlossenes System des Judentums entwerfen, nichts liegt uns ferner. Nur wollen wir behutsam hindern, daß der eine oder der andere der vielgestaltigen Teile, weil er unwidersprochen bleibt oder weil er sich-mit dem Pathos des Endgültigen gebärdet, als Führer der Verirrten Geltung findet. Wer dürfte wagen zu_verkünden: le Judaisme — c'est moi? Keinem gestehen wir ein Recht, sich als das eine Judentum zu etablieren! 1. D i e g e i s t i g e E i n w i r k u n g des Kriege s. Soweit wir in unserem abgeschnürten Erdenwinkel die Dinge überschauen können, sind Deutschland und England (von dem noch nach Formen ringenden Rußland abgesehen) diejenigen Länder, in denen der Krieg die gewaltigste innere Umwälzung hervorgerufen hat. Wirtschaftlich wie politisch wird die Zeit nach dem Kriege nur mehr in den losesten Beziehungen zur Vergangenheit stehen. Fundamentale Gegebenheiten sind gestürzt, durch neue ersetzt worden. Noch ist es nicht möglich, die Verwandlung in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen und zu benennen. Vielleicht ist es der Sieg des Militarismus in England, der Sieg des Sozialismus in Deutschland, vielleicht dort der Übergang von der individualistischen Wirtschaftsform zur gesellschaftlichen, vom Freihandel zum Schutzzoll, hier der Abbau der Klassenwirtschaft, die Vergesellschaftung ganzer Wirtschaftszweige, die Überführung wirtschaftlicher Macht in die Hand von Organisationen —. im Wandel der Zeit wird man noch nach manchen Namen greifen, ohne doch den vollumfassenden zu finden. Zwei Bücher sind es, in denen das Gewaltige, in solcher Maßlosigkeit sioch nicht Dagewesene der Revolutionierung aller Gesellschafts- und Wirtschaftsformen in seiner brutalen Kraft miterlebt wird: schon in ihren Titeln spricht sich die Einwirkung des Geschehens aus: „Drei Jahre Weitrevolution" von Paul Lensch, dem einstmaligen, vielleicht wieder dem zukünftigen Führer der deutschen Sozialdemokratie, und die „Revolutionierung der Revolutionäre" des Universitätsprofessors Johann PI e n g e. Bei beiden als treibende Gnmdkraft eine historische Tendenz, aber eine Tendenz, die nicht im Ideologischen wurzelt, auch dort nicht, wo sie mit ideologischem Schwergeschütz gegen die marxistische Theorie ins Feld rückt (Plenge). Aufbauend auf den realen Gegebenheiten versucht sie, diese in ein organisches Geschehen einzugliedern, und wirkt als schroffe Reaktion auf das Ideologische in der deutschen Entwicklung, als Abkehr von jenen Theorien, die sich mit der Realität nicht im- Einklang befanden. So erblickt Plenge in der