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Neue jüdische Monatshefte · 1918-03-25 · Heft 12 (25.3.1918) · p. Seite 270

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1917-1918
Issue
Heft 12 (25.3.1918)
Article
Ein Brief
Date
1918-03-25
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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270 englischen Volkes, kann sich im Gegeifer gegenüber seiner Nation ebensowenig genug tun, wie die modernen jüdischen Renegaten-Literaten & la Weininger, Großmann usw. gegenüber ihrer Nation. Nun, ich will mife keinem Worte diesen'Theorien entgegentreten. Ebensowenig wie es den Deutschen, Engländern, Franzosen usw. einfällt, gegen derlei Bewertung seitens ihrer Verächter Apologien zu schreiben; sie gehen mit kräftigen Schritten ihres Weges, schlagen hin, " wo Argumente nicht nützen — oder spucken hin. Auch mir ist, jen-" seits von jeder Theorie, schon die jetzige jüdische Renaissance-Bewegung, der frische Wind, der unter anderem unsere Atmosphäre von den Literaton-Renegaten-Miasmen zu reinigen beginnt, Sicherheit und Gewähr dafür, daß wir unsere Schöpferkraft nicht verloren haben. Doch auf einige wenige aus dem Gewimmel von Widersprüchen in Ihrem Aufsatze sei esmir erlaubt hinzuweisen. Die Russen sind nach Ihren Ausführungen kulturschöpferisch, weil sie Dostojewski hatten. — Wen aber noch von gleichem Kaliber? —- Die Juden hatten aber doch auch zumindest einen, der in Ihrem Sinne „die Menschheit vorwärts gebracht hatu, nämlich den, „nach dem unsere Zeitrechnung benannt wird;u der jedoch ist Ihnen nur der „Binzeine"! Oder ist er Ihnen nicht der Sohn des jüdischen Volkes, sondern nur der heilige Sohn? Ich glaube kaum; obgleich Sie für das Mittelalter schwärmen, weil es die Mystik geschaffen hat (von der jüdischen Mystik, die älter ist als die, die Sie meinen, wissen Sie wohl nichts) und darüber lachen, wenn es „finster und dumm" genannt wird. Ich bin allerdings überzeugt: Wäre Christus kein Christ geworden, viele moderne Juden hegten für ihn keine so tiefe Verehrung. Übrigens hat ja Chainberlain bewiesen — wie er alles beweist —, daß Christus nicht von jüdischer Abstammung war. Sonst wären eben die Juden kulturschöpferisch, quod Dii vetant. Ein anderer Christ, Papst Leo XIII., war anderer Ansicht. Er sagte, die drei größten Menschen, die die Menschheit hervorgebracht hat, waren Juden: Moses, Christus und Spinoza. Noch andere Nichtjuden von denkerischer Distinktion, wie Hegel, Alexander v. Humboldt, Lotze, Guizot erkennen rückhaltlos die schöpferische Kraft des jüdischen Geistes an, und Ferdinand Gregorovius sagt, daß die heutige europäische Kultur ganz auf zwei Fundamenten beruhe, auf der Kultur der Griechen und der der Juden. Wir modernen Juden aber haben uns auf Chamberlain zu verlassen! Eines ist mir besonders wunderlich: Unter den Männern, die Sie in Ihrem Aufsatz© „für wirklich gescheit" halten, nennen Sie auch Nietzsche; ist Ihnen aber bekannt, daß dieser — sicherlich doch kein Philosemit — die Juden als das befruchtende Genie bezeichnet, die Griechen aber als das weibliche? Während sich also bei Ihnen das Genie und der weibliche jüdische .Verstand als sich gegenseitig ausschließende Phänomene gegenüberstehen, spricht Nietzsche im Punkt für Punkt diametralen Gegensatze zu Ihnen erstens vom Genie der Juden, dazu zweitens als von dem befruchtenden und obendrein stellt er gerade die Griechen als das weibliche Kulturelement dar! Kann dieser Nietzsche noch „wirklich gescheit" genannt werden?

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