Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 11 (10.3.1918)
- Article
- Zur Regierungserklärung
- Date
- 1918-03-10
- Page
- Seite 261 (sequence 3)
- Language
- German
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261 entgegen und sind zu einer wohlwollenden Unterstützung ihrer diesbezüglichen Bestrebungen bereit." Hier werden also die Juden des Ostens ausdrücklich und offenbar mit gutem Vorbedacht als eine „Minderheit" bezeichnet, ein Wort, das jeden Sinn verlieren würde, wollte man es im Sinne einer Ordnung auslegen, die an nichts anderes denkt als an das „Prinzip der Gleichberechtigung": denn dann gibt es keine Minderheit! Hier ist vor allem von den „auf Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart gerichteten Wünschen dieser1 Minderheit" die Rede: und jedermann weiß, daß diese Wünsche auf mehr zielen als auf die bloße formale bürgerliche Gleichberechtigung; und diesen Wünschen erklärt die Reichsregierung „volles Verständnis entgegenzubringen, und zu einer wohlwollenden Unterstützung ihrer diesbezüglichen Bestrebungen bereit zu sein". Daran läßt sich kaum drehen und deuteln. Was nun die Stellungnahme des Verfassers dieses ein wenig mythischen Entrefileta anlangt, so haben wir in einem Punkte zu widersprechen und in einem anderen, wichtigeren, unser volles Einverständnis kund zu tun. W i d e r s p r e e h e n müssen wir der Auffassung, als wenn sich irgendeine „Minderheit", und gar die Juden des Ostens, mit der bloßen bürgerlichen Gleichberechtigung befriedigt erklären könnte. Ein Blick auf die Entwicklung Galiziens zeigt, daß sie wenig, wenn Überhaupi etwas bedeutet. Hier sind die Juden unter der „bürgerlichen Gleichberechtigung" politisch und wirtschaftlich immer tiefer herabgekommen, und ihre „Assimilation", auf die das Entrefiiet hoffnungsvoll hinweist, ist völlig mißlungen. Das haben die polnischen Führer selbst zugegeben. Wir brauchen über dieses traurige Thema keiu weiteres Wort zu verlieren. Jeder Sachkenner weiß Bescheid! 1) a gegen stimmen wir v o 11 k o m m en und freudig zu, wenn d&s Entreület betont, daß die deutsche Regierung nicht die Absicht haben kann, „dem polnischen Staate eine bestimmte Lösung der Frage aufzuzwingen". Freilich werden damit nur ofieiw Türen eingestoßen, und der besondere Nachdruck, der auf diese blanke Selbstverständlichkeit gelegt wird — in 27 Zeilen wird sie nicht weniger als dreimal ausgesprochen —, könnte fast den Eindruck erwecken, als solle den Polen der schwarze Mann einer auswärtigen Intervention in der Judenfrage gezeigt werden. Diese Zeitschrift und besonders der Verfasser des als Adresse .oder Deckadresse angeredeten Aufsatzes haben n i e m a 1 s die tolle Vorstellung gehabt, als könne oder solle irgendeine auswärtige Macht die Polen oder den polnischen Staat zu einer Lösung der Judenfrage in irgendeinem Sinne, oder in dem der sprachlich-kulturellen Autonomie im besonderen zwingen. Wir sind auch hier nicht für Zwang, weil wir überhaupt nicht an Zwang glauben. Eine solche Verfassung würde, w e i 1 erzwungen, kaum Bestand haben, und sicherlich würde Deutschland nicht mobilisieren, um ihre Erfüllung durchzusetzen. Und wirgönnen unseren Stammesgenossen etwas Besseres als die Rollo des Weizenlcorns zwischen den Mühlsteinen. Selbstverständlich